Die Frühromantik.
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weiten Bereiche des Menschlichen bedurfte; und auf den
Bühnen, die es betrat, wurden in unablässiger Aufeinander—⸗
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die ersten der Rollen zufielen. So hat sich Goethe den ver—
schiedenen Perioden und Zeitaltern seines Jünglings- und
Manneslebens voll und voller hingegeben:
Du hast getollt zu deiner Zeit mit wilden
Dämonisch⸗-genialen jungen Scharen;
Dann sachte schlossest du von Jahr zu Jahren
Dich näher an die Weisen, göttlich milden.
Und als das Greisenalter sich meldete, da wurde selbst
der milden Griechenwelt ein wenig der Abschied gegeben, und
andere zur Romantik führende, ja ihren Kern erfassende Er—
wägungen stellten sich ein. „Jedem Alter des Menschen ant—
wortet eine gewisse Philosophie. Das Kind erscheint als
Realist, denn es findet sich so überzeugt von dem Dasein der
Birnen und Apfel als von dem seinigen. Der Jüngling, von
inneren Leidenschaften bestürmt, muß auf sich selbst merken,
sich vorfühlen, er wird zum Idealisten umgewandelt. Dagegen
ein Skeptiker zu werden hat der Mann alle Ursache; er tut
wohl, zu zweifeln, ob das Mittel, das er zum Zwecke gewählt
hat, auch das rechte sei. Vor dem Handeln, im Handeln hat
er alle Ursache, den Verstand beweglich zu erhalten, damit er
nicht nachher über eine falsche Wahl sich zu betrüben habe.
Der Greis jedoch wird sich immer zum Mystizismus bekennen;
er sieht, daß so vieles vom Zufall abzuhängen scheint; das
Unvernünftige gelingt, das Vernünftige schlägt fehl, Glück und
Unglück stellen sich unerwartet ins Gleiche; so ist es, so war
es, und das hohe Alter beruhigt sich in dem, der da ist, der
da war und der da sein wird.“
Allein ist der Dichter jemals in einer dieser reichen Pe—
rioden seines Lebens, und sei es selbst in der mystisch-roman⸗
tischen des Greisenalters völlig aufgegangen? Schon in den
ersten, jugendlichen Zeiten war das nicht der Fall: Werther
führte nicht zur Versenkung in die Empfindsamkeit, sondern
zur Befreiung von ihr. Und auch den Klassizismus betrachtete