Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

108 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
der Dichter immer und immer wieder objektiv: „Stehen uns 
diese weiten Falten zu Gesichte, wie den Alten?“ Und war es 
denn wirklich nur die Form, die Goethe auch in diesen Zeiten 
immer wieder der Heimat zuführte? 
Allerlieblichste Trochäen 
Aus der Zeile zu vertreiben, 
Und schwerfälligste Spondeen 
An die Stelle zu verleiben, 
Bis zuletzt ein Vers entsteht, 
Wird mich immerfort verdrießen. 
Laß die Reime lieblich fließen, 
Laß mich des Gesangs genießen 
Und des Blicks, der mich versteht! 
So hat, in höheren Jahren schon, die Romantik erst recht 
nicht das Herz des Dichters völlig gefesselt. Gewiß: wie er 
im Werther sich ganz subjektiv gegeben hatte, so hat er lin 
Wilhelm Meister ein objektives Bild und damit einen voll— 
ständigen Umriß dessen zu entwerfen gesucht, was er sein 
konnte. Allein mit nichten ging er darum in dem Werke auf. 
Schon die Kritik Schillers zeigt das Gegenteil, und früh schon 
war sich Goethe bewußt, daß er in der Form eines Romans 
überhaupt trotz aller Formmittel der Erzählung die Unendlich— 
keit seines Seins wie überhaupt einer bestimmten Idee nicht 
zu erschöpfen vermöge. Und daran änderte es nichts, daß in 
diesem Kunstwerk fast zum ersten Male recht eigentlich roman— 
tische Stimmungen, süße Schwermut, pathetische Innigkeit, 
sinnbildliche Züge zum Ausdrucke kamen: Züge, die sich in 
den Wahlverwandtschaften noch weiter bis ins Symbolische 
und in den Wanderjahren ins Allegorische, ja Schematische 
steigerten. Wohl mochte die kritische Begeisterung der Ro— 
mantiker den Meister hier auf der Höhe der Ironie sehen 
und in der wunderbaren Verwebung von Lustigem und Er— 
greifendem, Geheimem und Lockendem das Muster ihrer Art 
zu komponieren und das Vorbild ihres malerischen Stiles 
erkennen, bis sie sich mit Mignons Exequien in das Innerste 
des neuen Tempels versetzt fühlte und in dem heiligen Kinde 
das letzte Geheimnis des großen Werks verehrte. Goethe aber
	        
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