110 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
weist in die flutenden Gefühlswellen der Empfindsamkeit und
bald vorwärts in die Periode zusammenfassender Typisierung
des Klassizismus, wie Alexandriner und spanische Trochäen
und fünffüßige reimlose Jamben im zweiten Teile den Uni—
versalismus des Alters verkünden, während Helena aus den
jambischen Trimetern des griechischen Dramas da, wo sie mit
der nordischen Welt in Berührung tritt, zum musikalischen
Wohllaut des Reimes vorbricht: so flutet und wallt es durch
das Ganze von einem ungeheuren Wechsel der Stilelemente
und höchster Kompositionsweisheit: unerschöpflich, ein quellender
Born; und nicht geschaffen, sondern erlebt, ja ein Leben selber
erscheint die Dichtung. Und wie ist dabei zugleich der Inhalt
geschürzt und zu den engsten Formen eines psychologischen
Dramas, weit über Iphigenie und Tasso hinaus, im ersten
Teile gedichtet: kurze Szenen, Mischung von Ernst und
Heiterkeit, ideale Behandlung von Ort und Zeit, Ausklingen
der Stimmung trotz allem und poetisches Sichgehenlassen des
Gehaltes: es sind Shakespearische Eigenschaften, es sind die
Zeiten der Jugend. Und wie wiederum stellt sich dem, bei aller
Buntheit der Geschehnisse, die strengere Stilreinheit, das Ge—
haltene des zweiten Teiles gegenüber: trotz aller Romantik,
die manches Mal an einen Raimund höherer Sphäre gemahnt,
trotz alles Graezismus, in dem sich die Zeiten des Sophokles
zu erneuern scheinen, dennoch ein folgerichtig festgehaltener
typischer Realismus, das starke Sichzusammenraffen und Sich—
bezwingen einer erfahrenen Männlichkeit: bis Mystik und Alle—
gorie des Greisenalters Personifikationen und Symbole einwebt.
Ein Pandämonium der poetischen Formenwelt des Sub—
jektivismus ist damit gleichsam aufgetan: keine Empfindung
dieses Zeitalters, die nicht ihre Wortmusik, kein Gedanke, der
nicht sein sprachliches Kleid erhalten hätte. Und diese Formen
verschönen einen Inhalt, der das typische Schicksal, die Genesis,
die Nöte, den erfolgreichen Ausgang des subjektivistischen
Menschen typisch darlegt. Wie brausen da die Jugendmächte
der Empfindsamkeit und des Sturmes und Dranges in dem
verjüngten Faust! Und schon vor dieser Verjüngung hat er