Die Frühromantik.
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die romantischen Empfindungen durchkostet: die Schalheit eines
Lebens, das das All in sich verschlingen möchte, die höchste
Ironie und Melancholie, Todesgedanken, ja Todesentschluß:
bis ihn das Christ ist erstanden der Kinderzeit zu neuem Leben
rief. In diesem neuen Leben aber schreitet er nun durch alle
Formen des Genusses und der geistigen Aneignung: er genießt
in Gretchen die Liebe einer naiv-nationalen Welt wie in
Helena die bewußte Hingabe einer sentimental-klassischen: bis
er der großen Wahrheit des neuen Zeitalters inne wird, daß
nicht der Genuß, sondern die Arbeit das Leben vollende.
Und nochmals vertieft sich in diesem Zusammeunhange der
Gedanke. Die Figur Fausts ist keine Schöpfung subjektivistischer
Zeiten; keineswegs war sie von Anbeginn und so, wie Goethe
sie dem Puppenspiel und der Tradition des Volksbuchs ent—
nahm, dahin gemünzt, die Weiten menschlicher Aktualität und
eben damit das Spezifische wenigstens der Willensseite der
subjektivistischen Persönlichkeit zu durchmessen. Faust hat im
ersten Drittel etwa des 16. Jahrhunderts gelebt; der Drang
nach dem Idealen, den man allenfalls in seinem Leben finden
könnte, hat von der Sage der zweiten Hälfte des 16. Jahr—
hunderts deutlich pandynamistische Züge erhalten; im 17. Jahr—
hundert sind seine Taten, zunächst in der englischen Dramati—
sierung Christopher Marlowes, auf die deutsche Bühne gelangt
und von dieser fort⸗ und bis zum Puppenspiel herabgebildet
worden; dann hat die ausgehende Aufklärung, insbesondere
Lessing die Figur wiederum dramatisch höher zu werten be—
gonnen, doch beinah stets noch in dem alten Sinne, daß Faust für
seine zauberischen Neigungen vom Teufel geholt wird: so war
er denn durch und durch eine literarische Figur des indivi—
dualistischen Zeitalters geworden und hat alle denkbaren poeti—
schen Entwicklungsphasen fast eines solchen Charakters durch—
wandert.
Er war damit eine Figur, die gründlicher Umgestaltung
bedurfte, sollte sie dem neuen Zeitalter seit der Mitte des
18. Jahrhunderts auch nur interessant sein. Und alle wahren
Dichter, die sich nun mit ihm beschäftigten, ein Maler Müller,