Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Die Frühromantik. 
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die romantischen Empfindungen durchkostet: die Schalheit eines 
Lebens, das das All in sich verschlingen möchte, die höchste 
Ironie und Melancholie, Todesgedanken, ja Todesentschluß: 
bis ihn das Christ ist erstanden der Kinderzeit zu neuem Leben 
rief. In diesem neuen Leben aber schreitet er nun durch alle 
Formen des Genusses und der geistigen Aneignung: er genießt 
in Gretchen die Liebe einer naiv-nationalen Welt wie in 
Helena die bewußte Hingabe einer sentimental-klassischen: bis 
er der großen Wahrheit des neuen Zeitalters inne wird, daß 
nicht der Genuß, sondern die Arbeit das Leben vollende. 
Und nochmals vertieft sich in diesem Zusammeunhange der 
Gedanke. Die Figur Fausts ist keine Schöpfung subjektivistischer 
Zeiten; keineswegs war sie von Anbeginn und so, wie Goethe 
sie dem Puppenspiel und der Tradition des Volksbuchs ent— 
nahm, dahin gemünzt, die Weiten menschlicher Aktualität und 
eben damit das Spezifische wenigstens der Willensseite der 
subjektivistischen Persönlichkeit zu durchmessen. Faust hat im 
ersten Drittel etwa des 16. Jahrhunderts gelebt; der Drang 
nach dem Idealen, den man allenfalls in seinem Leben finden 
könnte, hat von der Sage der zweiten Hälfte des 16. Jahr— 
hunderts deutlich pandynamistische Züge erhalten; im 17. Jahr— 
hundert sind seine Taten, zunächst in der englischen Dramati— 
sierung Christopher Marlowes, auf die deutsche Bühne gelangt 
und von dieser fort⸗ und bis zum Puppenspiel herabgebildet 
worden; dann hat die ausgehende Aufklärung, insbesondere 
Lessing die Figur wiederum dramatisch höher zu werten be— 
gonnen, doch beinah stets noch in dem alten Sinne, daß Faust für 
seine zauberischen Neigungen vom Teufel geholt wird: so war 
er denn durch und durch eine literarische Figur des indivi— 
dualistischen Zeitalters geworden und hat alle denkbaren poeti— 
schen Entwicklungsphasen fast eines solchen Charakters durch— 
wandert. 
Er war damit eine Figur, die gründlicher Umgestaltung 
bedurfte, sollte sie dem neuen Zeitalter seit der Mitte des 
18. Jahrhunderts auch nur interessant sein. Und alle wahren 
Dichter, die sich nun mit ihm beschäftigten, ein Maler Müller,
	        
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