Die Frühromantik.
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tat es schließlich hart, wie so oft jene religiösen Idealisten des
Mittelalters, die als hochbetagte Greise den Stuhl Petri be—
stiegen: an den herben Ausdruck der Glasmalerei beginnt seine
geistige Gestalt zu mahnen, und seine Worte fallen wie asketische
Predigt. Schon im Wilhelm Meister hatte er den Übergang
vom empfindenden zum tätigen Leben als heilsam, als not—⸗
wendig hingestellt; bald zog er ein Leben der Tat, insbesondere
der Kulturwerte schaffenden und der politischen, dem künstlerisch—
ästhetischen Dasein vor: und in den Sprüchen in Prosa erteilt
er den Deutschen den Rat, in einem Zeitraum von dreißig
Jahren das Wort Gemüt nicht auszusprechen: denn jetzt be—
deute es nichts als Nachsicht mit Schwächen, eigenen und
fremden. Voll zur Theorie ausgeprägt aber tritt diese Lehre
in den Wanderjahren, und noch einmal zu höchster Dichtung
verkörpert im zweiten Teile des Faust hervor. Denn was
Faust schließlich rettet, ist die Tat: sie ist es, die nun am
Anfang steht, und nicht das Wort. Aber nicht die egoistische
Tat ist gemeint, ja nicht einmal die Tat bloß persönlicher
Aufopferung; und nichts hat Goethes Ansicht gemein mit den
Leidensidealen des Evangeliums. Vielmehr die unmittelbar
positiv schaffende, die politische Tat ist gemeint: die Tat des
Tages, die Kontinuität einer freien Tätigkeit:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muß.
Und eben sie, in allen und jedem lebendig, ist das Ge⸗—
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liche Dasein des neuen Zeitalters, enthält die Gewähr einer
herrlichen Zukunft. So schafft Faust, um mit freiem Volk
auf freiem Grund zu wohnen; so wird in den Wanderjahren
visionär und doch konkret der jungfräuliche Boden Amerikas
umworben: von dorther wird sich jene universale Kultur er—
heben, die jedem den angemessenen Anteil an den Gütern
dieser Erde und die ungemessene Freiheit geistiger Entwicklung
gewährleistet.
Es sind letzte Gedanken, besser letzte Ahnungen und
Empfindungen, in denen sich noch einmal die beiden Größten
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