122 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
selbst einen Text erschaffen, und wird das Thema in ihr nicht
so entwickelt, bestätigt, variiert und kontrastiert, wie der Gegen—
stand der Meditation in einer philosophischen Ideenreihe?“
Wie man aber auch über die Verwandtschaften der Künste
untereinander und der Künste und „Wissenschaften“ — die
Wissenschaft ist der Romantik freilich im Grunde Mystik,
Meditation“ — denken möge: gewiß ist, daß die romantische
Musik die Elemente ihrer bevorzugten Formen, des Liedes und
der Oper, man könnte auch sagen die Formelemente, welche
mit einem dichterischen Grundgedanken im Bereiche menschlicher
Stimmwirkung verknüpft werden können, im einzelnen wie im
ganzen nicht wenig gefördert hat. Im Grunde handelte es
sich dabei natürlich um die musikalische Abschattierung neuer
Empfindungen und Empfindungsnuancen, mithin um das, was
musikalisch mit einer Vermischung der für Malerei und Musik
charakteristischen Reizbenennungen, die in der Romantik selbst
schon häufig zu beobachten ist, am besten als Kolorismus be—⸗—
zeichnet werden kann. Kolorismus der Töne, das ist es, was
nan vor allem ausbildet, so wie in der Dichtung der Koloris—
mus der Sprache gefördert wird.
Und auch die Mittel, die dazu in der Musik angewendet
werden, entsprechen in vieler Hinsicht unmittelbar den sprach—
lichen. Da werden archaische Formen aufgesucht und neu
belebt: so übermäßige und verminderte Akkorde, Trugschlüsse,
Vorhalte und dergleichen; und es wird gelegentlich auch gern
auf die noch ältere naive Monodie des Volksliedes zurück—
gegriffen. Da wird nicht minder fremde Erfindung nach—
zeahmt und tributär gemacht: nicht nur, daß gelegentlich un—
erwartet bekannte und doch verpönte fremde Melodien anklingen,
wie etwa die Marseillaise in Schumanns „Frühlingsschwank“;
schon bei Schubert erscheint ungarische und Zigeunermusik;
und Spohr und Weber haben bereits das Kolorit morgen—
ländischer Musik zu benutzen gesucht, freilich ohne es wirklich zu
treffen. Viel wichtiger, als diese mehr mechanischen Bereiche—
rungen, war aber auf diesem Gebiete doch die Fortbildung des
Figenen. Und welchen neuen, steigend aufgehäuften Schätzen