154 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
das Ergebnis war nach dem Urteil der Zeitgenossen außer—
ordentlich: da endlich habe man die schmerzlich gesuchte echte
deutsche Kunst: und die Berliner Kunstausstellung schon des
Jahres 1830 brachte den Düsseldorfern volle Triumphe. In
der Tat war schon viel erreicht, ließ Schadow seine Schüler,
eine größere rheinische Gruppe und eine Gruppe von meist
wohlhabenden Berlinern, die nach Düsseldorf gekommen waren,
darunter Lessing und Bendemann, die stärkeren farbigen Prin—
zipien und realistischeren Züge auch nur auf den gewohnten
Vorstellungskreis der klassizistischen und frühromantischen Kunst
anwenden. Bald aber wurde dieser Kreis auch im Sinne
einer objektiven Romantik erweitert: Poesie und Geschichte
wurden Inhalt der neuen Malerei. Dabei wurde zunächst die
Poesie bevorzugt: wie oft ist in diesen Jahren nicht Romeo
und Julia, sind nicht andere Gestalten und Szenen Shake—
spearischer Dramen gemalt worden! Daneben wurden die ro—
mantisch anmutenden Dichtungen der Italiener und Spanier
der Illustration in Zeichnung und lbild unterworfen, Dante,
Ariost, Cervantes; und neben ihnen spielten persischer Orient
und deutsches Mittelalter ihre Rolle. Die eigentliche Historien⸗
malerei dagegen predigte Schnaase erst im Kunstblatt des Jahres
1834 als Ziel der Zeit. Doch wußten die Maler die For—
derungen der Poesie und der Geschichte noch sehr wohl zu
vermählen; das Alte Testament mit seinen Helden war da
Mode; und gern sah man jetzt „lyrisch-historische“ oder gar
„sentimentalisch-historische“ Personen, wie Boas und Ruth,
oder Bendemanns Trauernde Juden im Exil (1832) oder des⸗
selben Meisters „Jeremias auf den Trümmern Jerusalems“
(1834). Doch fiel daneben der ursprüngliche Verstand roman—
tischen Inhalts noch nicht fort; noch immer fanden edle Räuber
und sentimentale Wilddiebe, Schleichhändler und Vagabunden
und der ganze Troß der „romantisch Freien“ Käufer; und
noch immer wurden sie mit den einfachen koloristischen Mitteln
Schadowschen Rezeptes bewältigt: bis sich der Eine Rethel
über all diesen Requisitenkram hinweg zu stilvoller Größe und
geschichtlicher Hoheit emporschwang.