Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Die Spätromantik. 
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Inzwischen aber hatte sich die allgemeine Malweise immer⸗ 
hin insoweit schon ins mehr Realistische umgesetzt, daß sie mit zu⸗ 
nehmender koloristischer Freiheit neuen Gebieten zudrängte: dem 
Sittenbild, dem tendenziösen Historienbild und der stimmungs— 
vollen Landschaft. Dabei lag namentlich die Bearbeitung der 
ersten beiden Gebiete sehr nahe, denn die Nation, und das 
hieß künstlerisch die Bourgeoisie, begann sich selbst interessant 
zu werden und noch mehr alle bäuerlichen Zustände als von 
ihrer Gegenwart abweichend und darum interessant zu finden, 
während zugleich eine mehr wissenschaftliche Betrachtung der 
Vergangenheit historischen Enthusiasmus zu entfesseln wußte. 
Unter diesen Einflüssen gelang es Schadow im Verlaufe der 
dreißiger Jahre nicht mehr, seine Schüler inhaltlich und selbst 
auch formell am alten Programme festzuhalten: sie gingen über 
ihn hinweg, und eine neue Phase der nationalen Malerei, die 
realistische, begann zu erblühen. 
Halten wir jetzt noch über Bildnerei und Baukunst der 
Romantik Umschau, so bedarf es wohl kaum erst der Be— 
merkung, daß über die Bildnerei nicht viel zu sagen ist. Denn 
schon der Begriff der Plastik widerspricht in seiner prägnanten 
Fassung dem der Romantik; und so wenig es ein romantisches 
Drama von Bedeutung und namentlich von Bühnenwirksamkeit 
gegeben hat, so wenig wußten, mit geringen Ausnahmen, ro⸗— 
mantische Skulpturen zu fesseln. Doch ist die Entwicklung an 
sich und eben in diesem Zusammenhange betrachtet nicht ohne 
Interesse. Ihr Verlauf begann damit, daß man sich von der 
süßlichen Manier Canovas, aber auch von der konventionell— 
antikisierenden Kunst Thorvaldsens abwendete. Vor allem das 
christliche Motiv in der Romantik widersprach da. Bald 
war man sich infolgedessen dahin einig, daß der segnende 
Christus in der Kopenhagener Frauenkirche so wenig ein tiefes 
wie ein christliches Ideal des Welterlösers verkörpere, ge— 
schweige denn, daß die im reichsten Statuenkranze um ihn 
versammelten Apostel genügen konnten. Und es bestärkte diese 
Auffassung, daß auch Rauch und Rietschel, Meister der sterben⸗ 
den Klassizistik und des erwachenden Realismus, in den Denk—
	        
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