Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

156 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
mälern der Frauenkirche nicht viel mehr als bärtige Männer 
sahen. 
Wie nun aber romantische Ideale finden? Sie aus 
Eigenem zu schaffen, erzeigte sich der auf plastischem Gebiete 
formlose Zeitgeist als unfähig. Ließ sich aber nicht wie in der 
Malerei an das italienische Quattrocento anknüpfen? Dann 
ging die Fahrt allerdings unfehlbar schließlich zu dem eben 
erst vermiedenen heidnischen Hellenismus. Oder sollte man 
weiter zurückgreifend die Plastik der gotischen Blütezeit wieder 
aufnehmen? Sie war zu wenig bekannt, das spätgotische 
Material aber in seinen stilistischen ÜUbertreibungen mißfiel der 
Anschauung romantischer Anmut, und eine hier und da ver— 
suchte Adaption an die Milde der Gegenwart gelang nicht. 
So kam es zu spärlicher Kunstübung und zum Eklektizismus; 
und Künstler wie Achtermann (1799 bis 1884) in seiner 
Münsterschen Pietà suchten frommen Sinnes eine Vermitt⸗ 
lung des christlichen Kunstideals mit der Antike unter An— 
lehnung an einige Kompositionsgedanken der Gotik. Schließ⸗ 
lich aber entwickelte sich bei der regen Nachfrage namentlich 
nach religiösen Werken der Bildnerei im Grunde nichts als 
eine Art bildnerischen Kunsthandwerks von süßlichen Formen: 
wobei man sich an die Antike anlehnte, den modernen Sinnen 
durch Bemalung genugtat und Massenwiederholungen gering⸗ 
wertiger Originale in Kirchen und frommen Häusern umtrieb. 
Im Grunde konnte ein Fortschritt für die Plastik nur 
in einem geläuterten Realismus und im Anschluß an die An— 
fänge einer wirklich zeitgemäßen Baukunst gefunden werden. 
Allein durfte man, während spätestens der Ausgang der dreißiger 
Jahre eine Wandlung zum Realistischen brachte, so leicht auf 
die Verwirklichung der zweiten Voraussetzung hoffen? 
Der Klassizismus hatte eine moderne Umbildung der 
Bauformen des griechischen Gerüststils gezeitigt: in vollster 
innerer Übereinstimmung mit der Entwicklung der Malerei: 
denn bei jedem Gerüststil überwiegt der Umriß, die Linie, und 
malerische Effekte werden nicht so sehr den Einzelgliedern des 
Baues wie deren Gesamtwirkung verdankt. So vor allem in
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.