Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Hierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
sam eine dynamische Auffassung einzufinden begann; in der 
Fluxionslehre der Newton-Leibnizschen Zeit liegt ihr erster 
Versuch vor, und das Problem ist fortbearbeitet worden bis zu 
den Mannigfaltigkeitslehren der dreißiger Jahre des 19. Jahr— 
hunderts und jenen kühnen Bestrebungen einer allgemeinen 
mathematischen kinetischen Kombinatorik, die sich in der zweiten 
Hälfte dieses Jahrhunderts als selbstverständlicher Ausdruck der 
Tatsache einfand, daß die Naturwissenschaften nun gänzlich 
und grundsätzlich dynamischen Anschauungen zu folgen begannen. 
Im Gebiete des Seelenlebens, im Bereiche der zahlreichen 
Disziplinen, die man seit dem Beginne des 19. Jahrhunderts, da 
man Geist gleich Seele setzte, Geisteswissenschaften zu nennen 
anfing, ist es aber zu einer so weitgehenden Entwicklung prin⸗ 
zipieller Grundlagen noch in keiner Weise gekommen. Selbst 
die psychische Statik ist im Bereiche der hergebrachten Psycho⸗ 
logie noch nicht so weit durchgebildet, daß sie der Anwendung 
auf dem Gebiete der praktischen wie der historischen Geistes— 
wissenschaften etwa so unbedingt generelle und von allen 
Forschern gleichmäßig aufgenommene Unterstützung gewährte, 
wie sie die mechanische Statik den Naturwissenschaften schon 
des 17. und 18. Jahrhunderts geleistet hat. Eine dynamische 
Psychologie aber, die nichts anderes sein könnte als eine Lehre 
von der Psychogenese, sei sie nun aus der Kinderpsychologie 
abgezogen oder aus der Völkerpsychologie, besteht einstweilen 
erst in leisen Anfängen und ist noch weit davon entfernt, all⸗ 
gemeinste Entwicklungstatsachen, geschweige denn schon allgemeine 
Beobachtungen über Form und Charakter des Verlaufes, und 
diese nun gar wieder in der kondensierten Gestalt leicht brauch⸗ 
harer Formeln zur Verfügung zu stellen. 
Hier bestehen Aufgaben, des Schweißes der Edlen wert; 
und wer sich ihnen widmet, sei es auf dem Gebiete onto— 
genetischer Kinderforschung, sei es auf dem phylogenetischer 
Entwicklungsgeschichte, der darf sicher sein, bei seinem Wege 
nicht nur auf allgemeine Ergebnisse von höchster Bedeutung, 
sondern auch auf zahlreiche und glänzende Goldstufen von 
Finzelfunden zu stoßen.
	        
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