Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Die Spätromantik. 157 
der Gotik. Wer wird die einfachen Pfeilerformen besonders 
der Frühgotik, ja selbst auch die Bekrönungen, die Wimperge, 
die Fialen, an sich malerisch finden? Aber wie reich in diesem 
Sinne wirkt das steinerne Dickicht eines durchgebildeten Strebe— 
systems, wie groß und einheitlich der Pfeilerwald eines Kirchen⸗ 
innern, vielleicht noch dazu in der magischen Beleuchtung eines 
Sonnenlichts, das durch alte Glasmalereien bricht! 
Als die Romantik den Sinn aufs Historische, Vater⸗ 
ländische, Fromme wandte, da lag es nahe, den antiken Gerüst⸗ 
stil durch den mittelalterlichen Gerüststil der Gotik zu ersetzen: 
zumal es dann bald als möglich erschien, den Charakter der 
Linienführung der Malerei der Nazarener auf die Architektur 
zu übertragen: denn dieser Charakter war zum Teil aus den 
Staffeleibildern des Quattrocentos abgeleitet, und damit aus 
wichtigen Denkmälern einer Zeit gotischer Architektonik. 
Von diesen Tendenzen wurden die an erster Stelle ge⸗— 
nannten auch zuerst wirksam; und so versteht sich, daß sich 
schon in der Vorzeit romantischen Empfindens, in den Jahren 
der Empfindsamkeit und des Sturmes und Dranges, wenigstens 
literarische Regungen finden, die auf die Gotik hinweisen. Es 
ist die Periode, in die Goethes Wurdigung des Straßburger 
Münsters und Schlossers begeisterte Worte über den Kölner 
Dom fallen: es ist eine Zeit, der der gotische Stil noch schlecht— 
hin als der nationale, der deutsche erscheint. Diese Auffassung 
und dieser Enthusiasmus ging dann freilich in den Jahren 
der klassischen Dichtung verloren; Schiller hat das Wort 
gotisch im Sinne von ungeheuerlich gebraucht. Indes eine 
Unterströmung für die Gotik blieb gleichwohl wirksam; ihr 
entstammte z. B. das Werk Friedrich Gillys über die Marien— 
burg vom Jahre 1794. In den Tagen der Romantik aber 
gewann diese Strömung dann wieder Obergewalt; man sieht 
fie etwa seit Beginn des neuen Jahrhunderts wachsen; damals 
entwarf der jugendliche Schinkel seine großartigen gotischen 
Bauphantasien, und seit 1807 forderte der praktischere Sulpice 
Boisserée am Rhein den Ausbau des Kölner Domes. Doch 
erst im Verlaufe der Freiheitskriege wurde die Bewegung recht
	        
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