Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

158 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
gesteigert und befruchtet. Gewaltig trat jetzt Görres, seit 
1814, für den Kölner Dombau ein als ein nationales und 
katholisches Werk zugleich, während man in protestantischen 
Kreisen den Sieg in der Völkerschlacht durch einen deutschen 
Dom auf Leipziger Boden zu verewigen dachte. 
Bezeichnend war dann freilich, daß die protestantischen 
Bestrebungen keinen Erfolg hatten, so wenig wie der großartige 
Plan Schinkels, einen gotischen Dom auf dem Leipziger Platze 
in Berlin als Dankesmonument der wiedererlangten Freiheit 
zu errichten: diese Blüten welkten rasch unter Restauration 
und Autoritarismus. Allein war ihr Verdorren nicht auch 
ein wenig mit durch den Stand der architektonischen Kenntnisse 
über die Gotik bedingt? Sieht man die Pläne Schinkels ein 
oder schlägt man Stieglitzens Lehrbuch altdeutscher Baukunst 
vom Jahre 1820 auf: der Eindruck ist der gleiche; der innere 
Charakter selbst der frühmittelalterlichen Gotik ist noch wenig 
erkannt; welch ein Abstand gegen die an sich auch noch sehr 
unvollkommenen Publikationen Heideloffs, die mit dem Jahre 
1838 begannen! Schinkel aber hat schließlich, während er im 
übrigen zum Klassizismus überging, eine magere und billige 
Backsteingotik als einen geistlichen Ausnahmestil gleichsam im 
allgemeinen nur noch für Kirchen verwendet; und seine be— 
kanntesten Schöpfungen auf diesem Gebiete, die Werderkirche 
und als bedeutendste wohl die Nikolaikirche in Potsdam (seit 
1830) gehören sogar dem klassizistischen Stile an, mag dieser 
auch von Traditionen evangelischer Baukunst des 16. Jahr⸗ 
hunderts und Erinnerungen an moderne Kirchenbauten eines 
angeblich hellenischen Gerüststils, so denen der Pariser Made— 
leine, durchtränkt sein. 
Die Ausbildung einer Schule praktischer Gotik knüpfte 
der Hauptsache nach an die Wiederherstellung und Vollendung 
des Kölner Domes an. 
Die Forderung, den Ausbau des Domes als ein nationales 
Werk zu betrachten, war seit den Freiheitskriegen nicht mehr 
verstummt; 1821 wurde Köln von neuem Sitz eines Erzbischofs; 
1823 wurde mit den Arbeiten am Dom begonnen; neue Frische
	        
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