—160 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
philiströse Wirkungen vereinfachten Linienwerks gestellte Gotik,
die denn auch den Kirchenstil namentlich der Katholiken lange
beherrscht hat, ja von einflußreichen Laien gefühlsmäßig noch
bis vor kurzem als der eigentliche Stil des katholisch-mittel⸗
alterlichen Christentums betrachtet worden ist.
Im Verlaufe der architektonischen Entwicklung dagegen
war dieser Stil seit etwa Anfang der vierziger Jahre spätestens
erledigt. Das zu Perzeption und Genuß stärkerer malerischer
Eindrücke fortschreitende künstlerische Auge verlangte jetzt kräfti—
gere Formen und statt kahler, mit mißverstandenem Maß—⸗
werke aufgeputzter Wände die pittoresken Innen- und Außen⸗—
wirkungen des vollendeten gotischen Gerüststils; und die zu—
nehmende Kenntnis der mittelalterlichen Bauformen aus der
Zeit der vollendeten und der späten Gotik vermochte diesem
Drängen gerecht zu werden, wie sie aus ihm hervorging; be—
reits seit etwa 1840 lehrte Heideloff die Gotik des Ulmer
Münsters und noch späterer Zeiten verstehen, schätzen und
nachahmen.
III.
Ist schon die bildende Kunst in der spätromantischen Zeit
wesentlich durch Übergangserscheinungen gekennzeichnet, die von
der verhaltenen oder der enthusiastischen Mystik der frühroman—
tischen Tage dem Realismus der dreißiger und vierziger Jahre
zuführen, so gilt das noch mehr von der Dichtung. Die früh—
romantische Dichtung hat noch eine internationale Bedeutung
gehabt; man darf sagen, daß durch sie Deutschland noch, wie
das letzte halbe Jahrhundert zuvor in steigendem Maße durch
Empfindsamkeit, Sturm und Drang und Klassizismus, die Welt⸗
literatur kommandiert hat. Jetzt dagegen, nach den großen
kriegerischen Erfolgen der Jahre 1813 und 1815, rücken die
Männer der Literatur auf die gewöhnlicheren Abmessungen
zurück; und Frankreich und England gelangen zur literarischen
Führung.
Auf dem Gebiete des Dramas hatte schon die Frühromantik,