Die Spätromantik.
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im Grunde rein lyrisch gestimmt, ihr Unvermögen zu konkreten
Schöpfungen gezeigt; wie wunderlich lesen sich sogar die
Buchdramen von Tieck oder Brentano oder Arnim. Nunmehr,
in den zwanziger Jahren und schon zuvor, zeigte sich erst recht
der Verfall der dramatischen Entwicklung; und keinerlei Sur—
rogate dramatischer Bewegung konnten darüber hinwegtäuschen.
Die Schicksalstragödie hatte eigentlich bereits die Versuche,
die dramatische Handlung irgendeiner durchgreifenden Welt—
anschauung subjektivistischen Charakters zu unterstellen, ad
absurdum geführt. Weltanschauung und Zacharias Werners
„24. Februar“: das waren überhaupt fast mehr als Gegen—
sätze, es sei denn, man hätte sich der Täuschung hingegeben,
daß die thaumaturgischen Vorstellungen des früheren Mittel—
alters die kausal verknüpfende Begriffswelt der Gegenwart
zu schlagen imstande seien. Und mit der Schicksalsführung
waren zugleich auch die Einzelformen der dramatischen Kunst
bis hinab zur Sprache vorzeitlicher Roheit verfallen. Im
Grunde konnte man sich für die Stücke, die für die Bühne
etwas bedeuteten, auf die noch halb in der Erzählung steckenden
dramatischen Formen des individualistischen Zeitalters zurück⸗
geführt sehen.
In der Tat knüpfte eine bestimmte Strömung bei Andreas
Gryphius, ja fast könnte man sagen der Technik nach sogar bei
Hans Sachs wieder an. Im Jahre 1828 25 waren Raumers
Hohenstaufen, eins der besten Werke der romantischen Geschicht⸗
schreibung, erschienen: sie boten so recht den Stoff, dessen ein
erzählendes Drama bedurfte. Und so folgten ihnen unzählige
Dramen; von 1828 -1830 gingen beispielsweise Immermanns
Friedrich II., Eichendorffs Ezzelin, Grabbes Friedrich Barba—
rossa und Heinrich VI. aus dieser Bewegung hervor. Dann
gar, 1830-1837, überschwemmte Raupach die deutsche Welt
mit seinem Hohenstaufenzyklus von sechzehn Dramen: die ganze
Historie des 12. und 18. Jahrhunderts, das, was der Autor von
ihr wußte und was er nicht wußte, aber zu wissen meinte, wurde
da auf die Bretter gebracht; Staatsaktionen zauberten Bilder
don des Reiches Größe vor, Päpste fluchten und Kardinäle
Vamprecht, Deutsche Geschichte. X. 11