Die Spätromantik.
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grundsätzlich und auf die Dauer auch nicht mehr protestantisch
charakterisierten Zeitalters, lenkten die deutschen Länder Oster—
reichs langsam wieder in die Pfade der gemeinsamen Entwick—
lung des nationalen Geisteslebens ein. Aber naturgemäß geschah
es nicht ohne eine Art von Nachholungspause und damit unter
zeitlichen Verspätungen, die sich erst langsam im Laufe des
19. Jahrhunderts so weit ausgeglichen haben, daß etwa seit
1870 und 1880, seit der vollen Entfaltung der zweiten Periode
des Subjektivismus, wiederum nahezu volle Gleichzeitigkeit mit
dem Fortschritt in den vorwiegend protestantischen Gegenden
des Vaterlandes, vor allem im Norden Deutschlands erreicht ist.
Dieser allgemeine Zusammenhang sprach sich nun in den
zwanziger und dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts für
Hsterreich darin aus, daß in ihm, und zwar vornehmlich in
Wien, zwar schon ein neues selbständig-deutsches Geistesleben
erwacht war; daß es aber noch gern an frühromantischen, ja
klassizistischen und teilweise sogar noch weiter zurückführenden
Formen festhielt. Es war eine Erscheinung, die sich ganz all⸗
gemein beobachten ließ, die aber vielleicht nirgends besser zum
Ausdruck gelangte als im Theater, wie denn Buhne und Schau⸗
spielerleben für den Wiener seit langem einen besonderen Reiz
besessen haben und noch heute besitzen. Und so konnte es denn
geschehen, daß Klassizismus und Romantik in Hsterreich noch
zu einer Zeit Triumphe feierten, in der sich der norddeutsche
Graf Platen schon in Versen von höchstem Wohllaut und in
Karikaturen von beißendem Witze gegen deren Ausläufer,
im Jahre 1826 in der „Verhängnisvollen Gabel“ gegen die
Schicksalstragödie, im Jahre 1829 im „Romantischen Odipus“
gegen Immermanns Versuche romantisch-historischer Dramatik
gewendet hatte.
Der weitaus hervorragendste Dichter des österreichischen
Spätklassizismus war Grillparzer (1791 -1872). In jungen
Jahren wenig in den literarischen Strömungen der Zeit zu
Hause, Zeit seines Lebens in der Tätigkeit und im Berufs⸗
kreise des kleinen Beamtentums umgetrieben, zudem in der
immer dicker werdenden Luft der österreichischen politischen
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