Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

164 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
Restauration wirklichen Begebenheiten, die ihn hätten vorwärts 
schnellen können, so gut wie gänzlich ferngehalten, hat Grill— 
parzer sein ausgesprochenes dramatisches Talent im Grunde 
an nichts schulen können, als am Drama selbst. Und hier 
wurde er denn durch die Geschichte des ernsten Wiener Theaters 
alsbald in feste Wege gewiesen. Das Schauspiel war da 
seit Joseph II. wesentlich durch das Hof- und Nationaltheater 
vertreten gewesen, das 1776 aus den Kämpfen einheimischer 
Buhnentätigkeit mit Gottschedischen Einflüssen hervorgegangen 
war. In diesem Theater hatten die Dramen Goethes und 
Schillers, aber auch Shakespeares und Lessings rasch Eingang 
gefunden, wenn man sich auch ängstlich und seit der französi— 
schen Revolution und Metternichs Regiment immer peinlicher 
von den liberalen und nationalen Tendenzen fernhielt, die 
dem Klassizismus Goethes und vor allem Schillers innewohnten. 
So war denn schon eine ziemlich sichere Tradition vorhanden, 
als Schreyvogel im Jahre 1814 für fast zwei Jahrzehnte die 
Direktion des Theaters übernahm. Schreyvogel aber war ganz 
der Mann, diese Tradition zu sichern und zu veredeln; er ge⸗— 
hörte dem Klassizismus mit Leib und Seele an und begeisterte 
sich vor allem für die Dramen der Spätzeit Schillers als 
dessen höchste Offenbarung. 
So wurde Grillparzer schon aus den Gewohnheiten der 
heimatlichen Bühnenpraxis vor allem auf Schiller hingewiesen, 
ganz abgesehen davon, daß Schillers entschiedene Art und 
rhetorische Form weit eher Schule zu machen geeignet war 
als Goethes universal umfassende Begabung. Allein Grill⸗ 
parzer war doch andrerseits auch von genügend festem geistigem 
Bau, um die Gefahr, sich ganz in Schiller zu verlieren, 
zu vermeiden. Zudem stand er auch den Zeiten Schillers 
tatsächlich schon zu fern, um nicht vom Weben eines immer⸗ 
hin schon anderen Geistes erfaßt zu werden: es ist ein 
Umstand, der ihm z. B. gegenüber dem Schicksal Theodor 
Körners von Vorteil war, der als Dramatiker ganz in 
Schiller aufzugehen gedroht hatte. Und wies ihn nicht zugleich 
die eigene Begabung doch bis zu einem gewissen Grade hinein
	        
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