Die Spätromantik.
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im Grunde durch Bedürfnis nach besserer Lebenshaltung und
Benefiz, wurde er zum Dichten gedrängt. So war es, zumal
bei seiner ganz mangelhaften Bildung, von vornherein klar,
daß sich seine Dichtung in den Grenzen seines Theaters, der
Leopoldstädter Buhne, halten mußte. Als nach langem Be—
mühen der alte österreichische Hanswurst um 1770 von der
höheren Bühne verdrängt zu werden begann, hatte er sich, in
frischer Ausstaffierung, in das 1780 begründete Leopoldstädter
Haus geflüchtet, in ihm freundlich gewährte Unterkunft gefunden
und spielte nun hier, als Diener zumal, in tausend gern ge—
sehenen Possen seine lustige Rolle weiter. Das ist das Milien,
aus dem heraus und für das Raimund schuf. Und er schuf
aus einer üppigen Phantasie Zauberdramen, wie den „Dia⸗
mant des Geisterkönigs“ oder „Das Mädchen aus der Feen—
welt“, oder „Alpenkönig und Menschenfeind“: sozusagen ob⸗—
jektive Romantik, in der mit dem naiven Sinne fast des
Mittelalters die Wirklichkeit des Wunders und die symbolische
Bestimmtheit der Personen von dem Dichter mit ebensoviel
Natürlichkeit eingeführt wie von dem entzückten Vorstadtpublikum
mit Biedersinn geglaubt wurde. Und eben aus dieser Natürlich—
keit der Konzeption, die um Himmelsweiten verschieden ist
von dem gemachten Skeptizismus in den ironisierenden Märchen⸗
dramen der literarischen Romantiker, geht noch heute der
wundersamste Reiz aus: man schaut wie in ein Stück in—
krustierten Lebens des Mittelalters und der Urzeit; es ist, in be—
scheidenen Grenzen, wie das wirkliche Erblühen der blauen
Blume der Frühromantik.
Doch versteht sich leicht, daß diese Kombination einzigartig
war. Sie gehörte nicht der Hauptstraße, sondern, wie bis zu
einem gewissen Grade schon die Poesie Grillparzers, freund⸗—
lichen Seitenpfaden der Entwicklung an; und ihr Reiz wurde
um so stärker empfunden, als die breite Hauptzeile des drama—
tischen Fortschrittes in diesen Zeiten nur von weit weniger
starken Talenten, als es Raimund und Grillparzer waren, be⸗
völkert schien.
Klarer und einheitlicher, als im Drama, verlief die Ent⸗