Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Die Spätromantik. 
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hat. Indes läßt sich nicht sagen, daß er durch seine Form— 
gebung eine bestimmte Richtung begründet oder daß er in 
der Entwicklung des persönlichen Gerüstes der Erzählung, in 
der vertieften Darstellung der Charaktere einen wesentlichen 
Fortschritt eingeführt habe. Dagegen verfügte er, auch in 
seinem gewöhnlichen Empfinden in die sonderbare Welt seiner 
Dichtungen gebannt, über eine Summe von psychologischen 
Erfahrungen und Beobachtungen, z. B. auf dem Gebiete der 
audition coloréo, die ihn in dieser Hinsicht als frühen Vor—⸗ 
läufer der Reizsamkeit der zweiten subjektivistischen Periode 
erscheinen läßt. 
Soweit sich die großen Vertreter der Frühromantik hin— 
weg über die objektive Romantik der Ritter-, Räuber⸗- und 
Schauerromane epischer Produktion zuwandten, waren sie fast 
alle durch Goethes „Wilhelm Meister“ beeinflußt, ja, nach der 
eingehenden Analyse dieses Romans durch Schlegel, eigentlich 
unter dessen Herrschaft: und mehr fast als ein Menschenalter 
hindurch hat diese Einwirkung fortgewährt. So sind „Franz 
Sternbalds Wanderungen“ von Tieck-Wackenroder, aus dem 
Jahre 1798, ein künstlerischer Bildungsroman, wie der Wilhelm 
Meister ein schauspielerischer war; daneben wird freilich roman⸗ 
tischen Neigungen durch die Verlegung der Szene in das aus⸗ 
gehende Mittelalter und durch die Heraufbeschwörung des alten 
Nürnbergs mit seinen engen Gäßchen und gotischen Giebeln 
noch besonders gehuldigt. In ähnlicher Weise nehmen später 
Novalis' „Heinrich von Ofterdingen“ und Arnims „Gräfin 
Dolores“ zu Wilhelm Meister Stellung; wie dort das Theater⸗ 
wesen, so spielen hier Poesie und adliges Lebensideal eine 
zentrale Rolle: und auch Eichendorff in seinem Werke „Ahnung 
und Gegenwart“ vom Jahre 1815 gelangte über Goethes Bann 
noch nicht hinaus, sowie noch um vieles später nach ihm 
Immermann mit seinen Epiqonen (1836) in dessen Kreisen 
verharrte. 
Charakteristisch fir die meisten dieser Romane, und be— 
sonders die der früheren Zeit, ist der Umstand, daß sie innerlich 
unabgeschlossen und wohl auch gar äußerlich Fragmente blieben.
	        
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