Die Spätromantik.
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1870 fortgeblüht, ein bescheidenes Dornröschen, wie man heute
etwa am Mississippi oder am Stillen Weltmeer noch in der
Weise Heines dichtet. Doch zeitigte 'eben diese Spätzeit noch
so achtenswerte Talente wie Gustav Mühl.
Leerer noch war der Singsang, der vom Rheine her
erscholl. Vergebens lud da wohl Simrock, der beliebte Über⸗
trager mittelhochdeutscher Texte ins Neuhochdeutsche, in einem
der wenigen Gedichte, die ihm ganz gelungen sind, zu reichem
Schmause wie in Italien so am Rheine ein:
O kommt ins Reich der Lieder und Gesänge,
Wo alle Träume reift die milde Sonne
Und alle Frauen heißen Königinnen!
Denn sangen Dichter und Dichterinnen vom wogenden
wallenden Rhein, so hatten die Wellen bei allem Herzerfreuen⸗
den doch wenig Besonderes zu melden:
Sie rauschen von den Tagen
Der längst vergangnen Zeit,
Von Liebe, Lust und Klagen,
Von deutscher Herrlichkeit!
(Adelheid von Stolterfoth.)
An der blauen Donau aber war es nicht eben um vieles
besser. Auch in den Landen sterreichs floß wohl die Welle
tönend im See,
Schaukeln Kähne in den Rieden,
Auf der Insel die Kapelle
Blinkt aus grünem Waldesfrieden.
Aber tiefster Empfindungen ist der Sänger dieser Zeilen,
Anastasius Grün (Graf Auersperg) doch nicht fähig gewesen,
wenigstens nicht insofern sie zugleich Höheres, Neues künden
sollten. Dagegen hielt Osterreichs Dichterwelt ähnlich wie auf
dramatischem Gebiete so auch in der Lyrik alte Töne pietätvoll
fest und ließ sie in verhältnismäßig späten Zeiten noch fein
und sauber, Silberglocken gleich, erklingen.
Lautlos lauscht die Mitternacht
Über Wald und Wellen,
Und die Weiden wehen sacht
An den Uferstellen.