Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Die Spätromantik. 
188 
1870 fortgeblüht, ein bescheidenes Dornröschen, wie man heute 
etwa am Mississippi oder am Stillen Weltmeer noch in der 
Weise Heines dichtet. Doch zeitigte 'eben diese Spätzeit noch 
so achtenswerte Talente wie Gustav Mühl. 
Leerer noch war der Singsang, der vom Rheine her 
erscholl. Vergebens lud da wohl Simrock, der beliebte Über⸗ 
trager mittelhochdeutscher Texte ins Neuhochdeutsche, in einem 
der wenigen Gedichte, die ihm ganz gelungen sind, zu reichem 
Schmause wie in Italien so am Rheine ein: 
O kommt ins Reich der Lieder und Gesänge, 
Wo alle Träume reift die milde Sonne 
Und alle Frauen heißen Königinnen! 
Denn sangen Dichter und Dichterinnen vom wogenden 
wallenden Rhein, so hatten die Wellen bei allem Herzerfreuen⸗ 
den doch wenig Besonderes zu melden: 
Sie rauschen von den Tagen 
Der längst vergangnen Zeit, 
Von Liebe, Lust und Klagen, 
Von deutscher Herrlichkeit! 
(Adelheid von Stolterfoth.) 
An der blauen Donau aber war es nicht eben um vieles 
besser. Auch in den Landen sterreichs floß wohl die Welle 
tönend im See, 
Schaukeln Kähne in den Rieden, 
Auf der Insel die Kapelle 
Blinkt aus grünem Waldesfrieden. 
Aber tiefster Empfindungen ist der Sänger dieser Zeilen, 
Anastasius Grün (Graf Auersperg) doch nicht fähig gewesen, 
wenigstens nicht insofern sie zugleich Höheres, Neues künden 
sollten. Dagegen hielt Osterreichs Dichterwelt ähnlich wie auf 
dramatischem Gebiete so auch in der Lyrik alte Töne pietätvoll 
fest und ließ sie in verhältnismäßig späten Zeiten noch fein 
und sauber, Silberglocken gleich, erklingen. 
Lautlos lauscht die Mitternacht 
Über Wald und Wellen, 
Und die Weiden wehen sacht 
An den Uferstellen.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.