188 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
Tief zieht die Nacht den feuchten Odem,
Des Walles Gräser zucken matt,
Und ein zerhauchter Grabesbrodem
Liegt über der entschlafnen Stadt:
Sie hört das Schlummerlied der Well'n,
Das leise murmelnde Geschäume,
Und tiefer, tiefer sinkt in Träume
Das alte Köln.
Dort, wo die graue Kathedrale,
Ein riesenhafter Zeitentraum,
Entsteigt dem düstern Trümmermale
Der Macht, die auch zerrann wie Schaum —
Dort, in der Scheibe Purpurmund
Hat taumelnd sich der Strahl gegossen
Und sinkt, und sinkt, in Traum zerflossen,
Bis auf den Grund.
Der Ampel Schein verlosch, im Schiffe
Schläft halbgeschlossen Blum' und Kraut;
Wie nackt gespülte Aferriffe
Die Streben lehnen, tief ergraut;
Anschwellend zum Altare dort,
Dann aufwärts dehnend, langgezogen,
Schlingen die Häupter sie zu Bogen
Und schlummern fort. —
Den Abschluß der Romantik bildet, ihre Auflösung be—
deutet die Lyrik Heines.
Heines Wesen läßt sich schwerlich verstehen, erinnert man
sich nicht des gleichzeitigen Wirkens Mendelssohns und auch
schon Meyerbeers. Die Entwicklung der ersten subjektivistischen
Periode war in eine Phase gelangt und sollte mit dem Rea—
lismus noch mehr in sie eintreten, in der der nationalen
Phantasietätigkeit die schöpferischen Augenblicke mehr und mehr
versagten und an ihre Stelle die Reproduktion und die Re—
pristination, die geschickte Synthese, der Verschleiß großer Er—⸗
rungenschaften im einzelnen, das geschmackvolle Geistreichtun,
das Spiel selbst mit Worten trat. In diesem Moment, der
noch nicht Epigonentum war, aber sich ihm in leisem Schritte
näherte, regte sich zum ersten Male wirksam eingreifend der
jüdisch-deutsche Geist. In Mendelssohn in der einen immer