Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Die Spätromantik. 
iso 
wiederkehrenden Schattierung, im Konservatismus des Her⸗ 
gebrachten, das in gutem Geschmacke unter einigem persön⸗ 
lichen Zusatz variiert wird, in Stimmungen und Neigungen, 
die auf politischem Gebiete gleichzeitig Stahl in stärkerem Ak— 
zente zu vertreten begann. In Meyerbeer in den Regungen 
eines das Vergangene dekomponierenden, aber nicht zu schöpfe— 
risch Neuem umschweißenden, sondern auf den bloßen Effekt 
richtenden Ehrgeizes, der nur durch die Furcht vor Mißerfolgen 
gezügelt wurde. In Heine, im geraden Gegensatze zu Mendels⸗ 
sohn, in einem alle Inhalte zersetzenden Radikalismus, dem 
nur eine raffinierte Pflege der Form wenigstens beinahe aus⸗ 
nahmslos heilig war: 
Die Veilchen kichern und kosen 
Und schau'n nach den Kronen empor. 
Heimlich erzählen die Rosen 
Sich duftende Märchen ins Ohr. 
Es hüpfen herbei und lauschen 
Die frommen, klugen Gazell'n, 
Und in der Ferne rauschen 
Des heiligen Stromes Well'n. 
So hat Heine vor allem auch in der Form nachgewirkt. 
Wie viele Elefantennaturen haben, um eine Anschauung der 
eben zitierten Verse aufzunehmen, das lässig elegante und doch 
so wohl kontrollierte Hüpfen dieser graziösen Gazelle nach⸗ 
zuahmen gesucht! Vergebens natürlich: denn eben dies war die 
einzigartige Stellung Heines in der Entwicklung der deutschen 
Dichtung, auf den Verfall des unerhörten Formenreichtums 
namentlich der romantischen Lyrik zu treffen, und aus ihm in 
persönlicher Umbildung aufzuraffen, was sich effektvoll, pikant 
und in strengstem Feilen scheinbar läßlich gestalten ließ. 
Fast mehr noch hat Heine auch die romantischen Inhalte 
dekomponiert. Die deutsche Lyrik hat immer etwas Reflekto— 
risches gehabt, und am wenigsten fehlte diese Ingredienz der 
Romantik. Es ist ein Zug, der, verstärkte er sich, gerade 
deutsche Dichter immer so leicht zur Satire getrieben hat. Bei 
Heine setzte sich diese satirische Reflexion nun geradezu und nur
	        
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