190 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
zu leicht ins Frivole um. Was hat aber das Frivole noch mit
romantischer Ironie, was gar mit romantischem Weltschmerz
zu tun? Dem geängsteten Herzen des Briten entquoll die
Strophe:
Count o'ér the joys thine hours have seen,
Count o'er thy days from anguish free,
And know, whatever thou hast been,
PTis sométhing better not to pbe.
Wann wären Heine diese Zeilen Byrons gekommen?
Anders lauten die Worte, die er sich und der Romantik, wie er
sie noch glauben mochte zu vertreten, als Grabschrift gesetzt hat:
Am Kreuzweg wird begraben,
Wer selber sich brachte um;
Dort wächst eine blaue Blume,
Die Armesünderblum'.
Im Grunde beendet Heine die deutsche Romantik dadurch,
daß er die Form in ihr überwiegen läßt und sie dadurch auf
eine bloße literarische Bewegung reduziert: was sie ursprüng⸗
lich durchaus nicht gewesen war. Es ist die französische Kon⸗
zeption der Romantik, die damit eingeführt wird; nicht umsonst
hat sich der — verbannte — Dichter in Paris so wohlgefühlt.
Soweit aber die deutsche Romantik noch Inhalte hatte, wurden
auch sie von ihm ertötet. Diese Romantik hatte, wenigstens
in der Lyrik und in der Dichtung überhaupt, nicht am wenigsten
auf der Flucht aus der Gegenwart in eine Anschauung fremder
Zeiten und Räume beruht, die dem Gefühl und der Phantasie
freien Lauf gab: Heine aber ließ eine häßliche Wirklichkeit in
diese schönen Träume des Herzens hineingrinsen und schuf
dadurch Unbehagen, Blasiertheit und bestenfalls den Drang
nach Neuem. Freilich war er dabei weniger der Mörder, als
nur noch der Exekutor des Romantischen. Denn schon in der
Mitte der dreißiger Jahre meinte Immermann in den Epi⸗
gonen: „Der Fluch des gegenwärtigen Geschlechts ist, auch
ohne alles besondere Leid sich unselig zu fühlen. Ein ödes
Schwanken und Wanken, ein lächerliches Sichernststellen und
Zerstreutheit, ein Haschen, man weiß nicht wonach. Es ist