Die Spätromantik.
191
als ob die Menschheit, in ihrem Schifflein auf einem über—
gewaltigen Meere umhergeworfen, an einer moralischen See—
krankheit litte, deren Ende kaum abzusehen ist.“
IV.
Überschauen wir die weiten Gefilde der Phantasietätigkeit
der Spätromantik, wie wir sie in den bisherigen Abschnitten
dieses Kapitels, von der Musik über die bildende zur dar—
stellenden Kunst durchwandert haben, so ist der allgemeine Ein⸗
druck der in ihnen immer wieder hervorblickenden, sie um—
fassenden und durchtränkenden Entwicklung nicht zweifelhaft.
In tausend Schattierungen, bei mancherlei Umwegen und Ver—⸗
hüllungen, wie sie der versiegenden ästhetischen Schöpferkraft
entsprachen, führt der Verlauf vom Enthusiastischen zum Über—
legten, vom Mystischen zum Rationalen — von der Phantasie—
tätigkeit zur Wissenschaft. Und diesen Prozeß zu verfolgen,
war um so reizvoller, als er sich im Grunde rasch vollzog.
Wie hurtig doch eilte die Dichtung von der subjektiven zur
objektiven Romantik und von dieser zum Historismus! Und
wie schnell wandelten sich damit, besonders deutlich in der
Lyrik, auch ihre Formen selbst da, wo es nach wie vor auf
den Ausdruck bloßer Gefühle ankam! Wie nicht minder reißend
vollzog sich aber auch in der bildenden Kunst der Übergang
von der zarten Linienkunst der Nazarener zu dem primitiven
Kolorismus Schadows und von da zu einem immer stärker
werdenden Historismus der Malerei, dem in der Architektur
alsbald eine mit sehr entschiedenen Zeitmomenten ausgestattete
Renaissance der Gotik zur Seite trat. Ja selbst in der Musik
bildeten sich aus Lied und Spiel bald neue feste Formen, und
bei den letzten großen Meistern machte sich sogar schon eine
neue, objektivere Kristallisation der Instrumentalmusik in erstem
Aufschießen bemerkbar.
Es mag wohl sein, daß die Schnelligkeit dieses Verlaufes
an erster Stelle der hohen Kulturstufe verdankt wurde, auf
der die Begebenheiten sich abspielten. Hohe Kultur bedeutet