Die Spätromantik.
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Prozeß; wir werden gut tun, ihn eingehend zu verfolgen.
Soll dies aber mit Aussicht auf Verständnis geschehen, so sehen
wir uns gezwungen, in der Geschichte der Wissenschaft ziemlich
weit zurückzugreifen: bis zu jenen Stellen, an denen die Dar—
stellung ihrer Entwicklung in einem früheren Bande abbrach!.
Im Verlaufe des 17. Jahrhunderts hatten die Naturwissen⸗
schaften den ersten Aufschwung ihrer Geschichte erlebt, so wie
sie die modernen Völker Europas bisher der Hauptsache nach
entwickelt haben, und wie ihre Entfaltung in dieser Zeit und
ihre spätere Fortbildung hier unter häufigem Hinausgreifen
auch über den nationalen Rahmen zur Sprache kommen muß.
Das Prinzip der quantitativen Forschung war damals in ihnen
durchgesetzt, der Gesichtspunkt der mechanisch-mathematischen
Naturbetrachtung gewonnen worden.
Der Aufschwung des Denkens, der zu dieser Ausgestaltung
der Naturwissenschaft führte, hatte im 16. und 17. Jahrhundert
von zwei Seiten her eingegriffen: von der schärferen und
sichreren Anwendung der Induktion und von der klareren
Formulierung allgemeiner deduktiver Elemente her: Experiment
und mathematischer Kalkül hatten gleichmäßig die neue Wissen—
schaft aus der Taufe gehoben.
Zur vollen Aufklärung dieses Zusammenhanges muß mit
zwei Worten selbst bis ins Mittelalter zurückgegangen werden.
Zwar durchaus nicht der einzige, wohl aber der gewöhn⸗
liche Schluß des mittelalterlichen Denkens in seinen klassischen
Zeiten war der Analogieschluß gewesen: er war das wesentliche
Mittel zur Erweiterung der noch sehr gering entwickelten Er—
fahrung. Sein Korrelat auf dem Gebiete des allgemeinen,
deduktiven Denkens aber war, wie früher eingehend begründet
worden ist?, der Wunderglaube; auf diesem fußte vor allem
das dogmatische Glaubenssystem der Kirche. Dementsprechend
bewegte sich das fortschreitende Denken des Mittelalters nach
der Seite der Erfahrung und nach der Seite der allgemeine
Band VII, 1, S. 67 ff.
2 S. Band VII, 1, S. 56 ff.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. X.