4 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
Zusammenfassung hin zwischen den Grenzen des Analogie—
schlusses und der Deduktion aus den Grundtatsachen der christ⸗
lichen Lehre: und alle Wissenschaften, auch die Naturwissen—
schaften, fanden sich durch diesen Zusammenhang bestimmt und
gemeistert.
Es war aber ein Zusammenhang, der seit Ende des
15. Jahrhunderts, mit Einbruch und Verlauf des indivi—
dualistischen Zeitalters, immer mehr verloren ging. Jetzt er—
weiterte sich die Erfahrung außerordentlich, und an die Stelle
des Analogieschlusses trat der Induktionsschluß: jenes Denken,
das aus der Beobachtung stetig sich wiederholender Momente
in ausgedehnten Tatsachenreihen auf einen regelmäßigen, gesetz-
mäßigen, unverbrüchlichen Zusammenhang dieser Momente, vor—
nehmlich nach dem Prinzipe von Ursache und Wirkung, schließt.
Es verstand sich dabei, daß das deduktive Korrelat zu dieser
Art des Schlusses nicht mehr ein auf Wunderglauben gestütztes
dogmatisches System sein konnte: denn eben den Wunder—
glauben verneint je länger je mehr eine auf Induktion auf⸗
gebaute Erfahrung. Das deduktive Korrelat wurde vielmehr
nun auf ganz andere Weise gewonnen. Indem das indivi—
dualistische Zeitalter seiner ganzen seelischen Konstruktion nach
von vornherein wesentlich dem Intellektualismus zuneigte!,
ergab es sich als natürlich, daß gewisse oberste Prinzipien ver⸗
standesmäßigen Denkens als nicht aus der Erfahrung ab—
geleitet, sondern als aprioristischer Halt gleichsam und letzt—
endliches Moment eines allgemeinen Zusammenhanges galten.
Prinzipien solcher Art waren in den Grundaxiomen der Mathe⸗
matik gegeben: diese erschienen daher als eine unbedingte, von
jeher vorhandene Ausstattung der menschlichen Seele.
Unter diesen Umständen war klar, daß sich die innere
Entwicklung der Wissenschaften seit dem 16. Jahrhundert für
den ganzen Verlauf des individualistischen Zeitalters in steigender
Auswirkung zwischen den Denkgrenzen des induktiven Schlusses
und der mathematischen Deduklion bewegen mußte. In der
S. Band VIII, 1, S. 3 ff.