Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

196 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
experimentellen Gebiete der Physik, erschöpft. Die Natur war 
grundsätzlich rationalisiert; für den vollen Beweis und die 
feinere Durchführung. dieser Rationalisierung fehlten indes viel— 
fach noch die induktiven Mittel. So zeigte die wissenschaftliche 
Bewegung in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein Nach— 
lassen — wenn überhaupt noch von einer Bewegung im strengen 
Sinne des Wortes die Rede sein konnte: es gab eigentlich 
nur noch einzelne tüchtige Gelehrte, nicht aber bestimmte 
Strömungen wissenschaftlichen Fortschritts. 
Demgegenüber begann mit der zweiten Hälfte des 18. Jahr⸗ 
hunderts, in Deutschland mit dem Beginn des neuen sub— 
jektivistischen Zeitalters, wiederum eine kräftigere Strömung. 
Sie war zunächst, das zeigt schon die Geschichte der Psycho— 
logie dieser Zeit!, naturalistisch: wie denn auch auf dem Ge— 
biete der Phantasietätigkeit während Empfindsamkeit und Sturm 
und Drang starke Naturalismen herrschten. Und so hätte man 
wohl einen starken Fortschritt vor allem auch der naturwissen— 
schaftlichen Einzelforschung erwarten können. 
Traf diese Erwartung nicht volllommen zu, so war dafür 
im allgemeinen wohl die verhältnismäßig geringe Entwicklung 
der methodischen Hilfsmittel, in Deutschland zugleich die Hin— 
wendung der geistigen Interessen vornehmlich auf die Gebiete 
der Phantasietätigkeit die Ursache. 
Von methodischen Hilfsmitteln hatte allerdings noch das 
ausgehende 17. Jahrhundert die Deduktion reich entwickelt, 
insofern sie fruchtbarer Hypothesenbildung dienen und zugleich 
zu genauer Beschreibung von Naturvorgängen führen konnte. 
Insbesondere hatte Leibniz auf dem für die deduktiven Hilfs— 
mittel entscheidenden Gebiete der Mathematik in der Infini⸗ 
tesimalrechnung oder höheren Analysis ein überaus feines Werk— 
zeug zur exakten Beschreibung wichtiger Bewegungsarten ge— 
schaffen, während Newton sich in dieser Hinsicht noch wesentlich 
mit dem Rüstzeug Galileis hatte behelfen müssen. 
Im Bereiche der Induktion indes war die Kunst des 
S. Band VIII, 2, S. 803 ff.
	        
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