Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
ordentliche Erweiterung des kosmischen Horizontes durch die
Astronomie seit den Zeiten der Kopernikus, Kepler und wiederum
Newton, so die Erbreiterung des Erdhorizontes durch die Un—
summen neuer geographischer und namentlich völkerkundlicher
Tatsachen, die seit etwa 1700 auf das Publikum eindrangen,
so nicht zum geringsten die Wirkung der ersten großen, vom
Christentum freien Weltanschauungen von Descartes bis auf
Leibniz. Dabei ist leicht zu sagen, welches das Ergebnis dieser
besonders starken geistigen Verursachungen sein mußte: die neue
Zeit trat auch als Ganzes zunächst vornehmlich auf geistigem
Boden in Erscheinung.
Eine zweité Besonderheit kam dazu, diese Seite der Ent—
wicklung zu verstärken. Kein größerer geistiger Zusammenhang
ist unabhängig von den geistigen Konstellationen, die vor ihm
bestanden, auch wenn er nicht eigentlich aus ihnen hervorgeht:
wie tragen nicht neue Systeme des Dichtens, Denkens, Bildens,
Schaffens schon deshalb den Stempel ihrer Vorzeit, weil sie
zunächst nur mit den durch diese Vorzeit bereit gestellten Mitteln
verwirklicht werden können. Die Kulturzeitalter aber sind vor—
nehmlich auch dadurch miteinander verbunden, daß bei ihrer Bil⸗
dung in besonders hohem Maße Reaktionsgefühle gegen das vor—
hergehende Zeitalter eine Rolle spielen. Vielleicht niemals indes
hat dies Element in der deutschen Geschichte stärker gewirkt
als um 1750. Und der Grund dafür scheint von der Art zu
sein, daß er sich vermutlich in der Entwicklung gerade der hohen
Kulturstufen jeder nationalen Entwicklung wiederholen wird.
Das Zeitalter des 16. bis 18. Jahrhunderts schloß mit einem
ganz ausgeprägten Intellektualismus: weit trat hinter den Aus—
wirkungen des Verstandes die Bedeutung aller anderen Tätig⸗
keiten des Seelenlebens zurück. Es war zunächst der Ausdruck
der Entwicklung dieses individualistischen, die Einzelperson iso—
lierenden und darum verstandesmäßig sterilisierenden Zeitalters
selbst. Daneben aber wurde wohl noch ein anderes Motiv
wirksam. Hohe Kulturen, wie sie auf besonders starker Ent—
wicklung der Verstandestätigkeit beruhen, neigen an sich zur
Intellektualisierung der ihnen angehörenden Erscheinungen: und