Die Spätromantik.
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Experimentierens noch wenig entwickelt; erst in der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts wird man eines neuen Auf⸗
schwungs gewahr; in klarer Zusammenfassung tritt er z. B.
aus Senebiers Essai sur l'art d'observer et de faire des
expériences, Genf 1775, hervor. Und in der Zeit, da dieses
Buch erschien, hatten die deutschen Universitäten der Regel
nach auch schon Institute zum Experimentieren, während ver—
wandte Arbeitsstätten des Studiums auf dem Gebiete der
Geisteswissenschaften noch selten waren; als eines der an—⸗
gesehensten galt das Göttinger naturwissenschaftliche Institut
unter Lichtenberg, wie denn in Göttingen auch die geistes—
wissenschaftlichen Seminarien noch am besten entwickelt waren.
Insoweit die Fähigkeit der menschlichen Sinne bei Durch—
führung von Experimenten durch besondere Werkzeuge verstärkt
werden kann, befand man sich freilich in all diesen Instituten
nach heutigen Begriffen noch in den Kinderschuhen: eben auf
diesem Gebiete hat die Technik des 19. Jahrhunderts die
schönsten Erfolge erzielt. Doch begann ein gutes Instrumen⸗
tarium immerhin schon, je nachdem die Erfindungen bis in die
ersten Jahrzehnte'des 19. Jahrhunderts fortschritten, wichtige
neue Werkzeuge vornehmlich zum Messen und auch zum Wägen
aufzuweisen: so die Drehwage von Cavendish und die Dezimal⸗
brückenwage von Quintenz und Schwilgué; die Fallmaschine
von Atwood, die verbesserten Chronometer von Harrison und
englische Winkelmeßinstrumente besonders für astronomische
Zwecke, durch welche Bogengrößen bis nahe an eine Sekunde
mindestens der Schätzung zugänglich wurden. Im ganzen war
dabei wohl die Astronomie noch mit den besten Instrumenten
ausgestattet; ihr führte z. B. F. William Herschel, ein aus
Hannover nach England ausgewanderter deutscher Musiker, sehr
wesentlich vergrößerte und verbesserte Teleskope zu. Auf dieser
besonderen Gunst der Entwicklung ihrer Werkzeuge beruhte es,
wenn die Astronomie um die Wende des 18. Jahrhunderts als
die fortgeschrittenste der naturwissenschaftlichen Einzeldisziplinen
bezeichnet werden konnte. In der Tat: welche neuen Kennt—
nisse hatte sie nicht eben um diese Zeit der Welt geschenkt oder