Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

208 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
ist. Zoologie und teilweise auch Botanik, noch mehr aber 
Physiologie und, soweit sie in kleinen Anfängen vorhanden 
war, Entwicklungslehre der organischen Welt waren noch fast 
ausschließlich nebensächliche Berufsaufgaben der Mediziner; und 
vor allem den Anatomen fiel es zu, auf diesem Gebiete zu 
arbeiten. Es ist nach heutigen Begriffen ein Zustand der Un— 
vollendung, der noch weit ins 19. Jahrhundert hineingeragt 
hat; noch Baer, Oken, Blumenbach, ja noch Rudoph Wagner 
und Johannes Müller sind Anatomen gewesen; und sogar aus 
wieder noch einmal späterer Zeit sind die Verdienste der Mediziner 
und Anatomen Kupffer, Koelliker, Schultze um Zoologie und 
Entwicklungslehre des tierischen Organismus bekannt genug. 
Zu den Zeiten nun, da die organischen Naturwissenschaften 
noch von den Mitgliedern der medizinischen Fakultät zumeist 
gleichsam im Nebenamte betrieben wurden, machte die Tätigkeit 
Linnés insofern Epoche, ja bildete einen ersten gewissen Ab— 
schluß der Entwicklung, als Linné zum letzten Male die 
Leistungen des individualistischen Zeitalters mit weitem Blicke 
zu einem System zusammenfaßte. Denn das, was Plato Zu— 
sammensehen genannt hat, war sein eigentliches Talent. So hat 
er in den Fundamenta botanica während der dreißiger Jahre 
des 18. Jahrhunderts den Grund zu dem noch heute bekannten 
Pflanzensystem gelegt; so in den vierziger Jahren aus einer ein⸗ 
gehenden Durchforschung der Fauna seiner Heimat ein ent—⸗ 
sprechendes Tiersystem entwickelt. Das Entscheidende war dabei 
in beiden Fällen, daß die Merkmale der Einteilung und System⸗ 
bildung nicht einem Studium des Gesamtorganismus der ein⸗ 
zelnen Tiere und Pflanzen, sondern nur gewissen, rasch auf— 
fallenden Eigenschaften, so bei den Pflanzen vornehmlich der Zahl 
und Art der Staubfäden, entnommen wurden: noch handelte es 
sich, so sehr Linné auch hier, wie auf manch anderem Gebiete, 
in der Wahl wichtiger Sexualorgane der Pflanzen als Ein— 
teilungsgrund einen genialen Blick bewährte, doch nur um eine 
sehr äußerliche Bewältigung der Probleme, welche die Wissen⸗ 
schaften der lebendigen Natur stellen: nicht als Organismen, 
sondern, noch immer Descartes folgend, gleichsam nur als
	        
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