Die Spätromantik.
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Ereignissen auch einen Zusammenhang solcher Motive, eine
Motivenreihe zu spannen. Es war die eigentliche Aufgabe der
sogenannten pragmatischen Geschichtschreibung; denn Pragma
hedeutet Handlung. Richtig ist dabei freilich, daß eine solche
Aufgabe zugleich auch die moralische Bewertung der Motive
sehr nahelegte: nahelegte zumal in der Zeit eines indivi—
dualistischen Utilitarismus und einer entsprechenden der Haupt-—
sache nach egoistischen Glückseligkeitsmoral. Und so versteht
sich, wie unter pragmatischer auch leicht moralisierende und zu
praktischem Handeln erziehende Geschichtschreibung verstanden
werden konnte.
Vermochte sich indes die Geschichtswissenschaft bei diesen
berschiedenen Arten der pragmatischen Geschichtschreibung, und
selbst bei der reinsten, auf längere Zeit zu beruhigen? Auch hier
erwuchsen schon dem ausgehenden Individualismus allerlei Be—
denken. War denn tatsächlich die Motivenverbindung die einzige,
die in der Geschichte vorkam? Gab es jenseits der Reihen
von Tatsachen, innerhalb deren sich die Abwandlung des In—
dividualwillens eines oder mehrerer Helden verfolgen ließ,
keinerlei tiefere oder höhere Zusammenhänge? War die Ge—
schichte des Papsttums z. B. bloß durch Charakter und Willens⸗
raft der einzelnen Päpste, die des Kaisertums bloß durch Taten
und Meinungen einzelner Kaiser bestimmt? Bestand nicht ein
Etwas, das ganz unabhängig von den Einzelpersonen den ganzen
Verlauf des Papsttums oder des Kaisertums bezeichnete?
Schon Bodmer hat in seinen Diskursen (1721 ff.) eine
geistvollere Behandlung der Geschichte als die pragmatische
verlangt. Die Verbindung der Tatsachen und die Ergründung
ihrer Ursachen müsse tiefer getrieben, die Charakteristik der
Helden schärfer geformt werden. Dann hat Mosheim besonders
für die Kirchengeschichte ähnliches gefordert. Abbt endlich, schon
ein Kind des Subjektivismus, sah um 1760 nur noch den als
einen recht pragmatischen Historiker an, der den Verfall und
die Verbesserung einer Gesellschaft durch die Begebenheiten, die
in einem großen Zeitraume vorgefallen seien, so verstehe, daß
man deren wichtigste Triebfedern entdecken könne. Und diese