240 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
Triebfedern nannte dann Abbt wohl auch schon die „philo⸗
sophischen Ursachen“; denn bei ihrer Hervorhebung entständen
die Sententiae graves, „unterdessen daß Einbildungskraft und
GBedächtnis nicht einen Augenblick müßig sind“.
Kein Zweifel: hier war etwas Neues im Entstehen. Und
im Laufe der nächsten Generation, völlig abgeschlossen etwa
bis zum Ende des zweiten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts,
hat fich dann dies Neue, die historische Ideenlehre, völlig ent—
wickelt. Langsam lernte man nun die tieferen Zusammenhänge
jenseits der Motivenreihen als bestimmte Tendenzen von Ent—
wicklungen kennen, die großen historischen Zusammenhängen,
wie eben z. B. dem Papsttum und dem Kaisertum, als solchen
eigen seien. Dabei bezeichnete man aber diese Tendenzen, im
Grunde Energie⸗ oder Willensrichtungen, als Ideen; denn man
jah sie eigentlich doch als intellektuell oder wenigstens als
vorstellungsmäßig an: sie erschienen als die Gedanken Gottes
in den Geschicken der Menschen, als Emanationen des Absoluten
in der Geschichte. Und so sah man denn auch den Zusammen—
hang mit der althergebrachten Begrenzung der Geschichte auf
Personen- und das hieß Heldengeschichte einfach genug: die
Ideen wurden von Gott zunächst einzelnen Menschen, Genies,
die dazu besonders berufen waren, vermittelt, so etwa die Idee
des Papsttums dem Apostel Petrus, die des Kaisertums Karl
dem Großen: und diese hatten nun die Aufgabe, der Idee in
der Willenswelt der Menschheit zur Erscheinung zu verhelfen.
Den Abschluß der Theorie der historischen Ideenlehre be⸗
zeichnet das System Wilhelm von Humboldts, wie es in seiner
Abhandlung von der Aufgabe des Geschichtschreibers (1821)
klassisch niedergelegt ist. Humboldt geht in seinem Denken,
das im wesentlichen noch dem Klasfizismus angehört und
in mancher Hinsicht dem geschichtlichen Denken Goethes und
Schillers verwandt erscheint, von zwei nicht weiter bewiesenen
Prämissen aus. Einmal fesseln ihn geschichtlich im Grunde
nur die größten, die weltgeschichtlichen Fragen; deren „Mär“
zu deuten, ist ihm, wie später Ranke, ernstestes Bedürfnis. Da
aun der weltgeschichtliche Verlauf als solcher im strengsten