Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Die Spätromantik. 
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Sinne singulär ist, d. h. einseitig in der Zeit in nur einmal 
so oder ähnlich vorkommenden Ereignissen verläuft, so erscheint 
es ihm als Hauptaufgabe, den Sinn dieser singulären Ereig⸗ 
nisse recht zu verstehen. Und da glaubt er nun zweitens, daß 
dies auf einem Wege möglich sei, der, formell von Kant aus— 
gehend, doch in die Netze der mystischen Erkenntnistheorie schon 
der Romantik verläuft. Nach Analogie nämlich von Kants 
aprioristischen Kategorien des Denkens und der Anschauung 
nimmt er noch eine besondere Kategorie eines aprioristischen 
historischen, eines Wirklichkeitssinnes an. Und diesem Sinne 
nun erschließen sich die Ideen als die eigentlichen Agentien der 
großen singulären Prozesse der Weltgeschichte. Wenn sich der Ge⸗ 
schichtschreiber ganz seiner eigenen Meinung entreißt und fremde 
Geistesart schlechterdings sich einverleibt, wenn er seine Indivi⸗ 
dualität in sich selber zurückdrängt und sein Ich geradezu auf⸗ 
löst, wenn er so zur Nichtindividualität wird und infolgedessen 
fähig, sich jeder zu erforschenden historischen Individualität 
vollkommen zu assimilieren, ja sich ihr bis zur zeitweiligen 
Identifikation zu unterwerfen: wenn er sich zu diesem historisch⸗ 
mystischen Verzicht und Raptus zugleich erhebt, dann werden 
sich seinem „Ahndungsvermögen“, seiner „Verknüpfungsgabe“ 
die Ideen enthüllen. 
Man sieht: es ist eine zwischen Goethes Praxis und den 
Lehren der Frühromantiker stehende Erkenntnistheorie. Als 
Ergebnis aber eines an ihr geschulten Erkennens, das, mit 
Ranke zu reden, sein Selbst auslöscht, tritt der Hauptsatz hervor, 
daß Weltgeschichte ohne Annahme einer Weltregierung nicht 
verständlich ist. Und damit werden denn die Ideen zu Er⸗ 
scheinungsweisen Gottes in der Geschichte, werden zu Mittels⸗ 
wesen gleichsam zwischen der erfahrungsmäßig wirklichen und 
der metaphysischen Welt. Und so ergießen sie sich als göttliche 
Kräfte in die Geschicke der Menschheit und beherrschen deren 
Verlauf und Charakter. 
Träger der Ideen aber in der Welt des Sichtbaren sind die 
großen Individuen, seien es große Menschen oder große Völker. 
Ihnen sind bestimmte Ideen wie Dämonen, einer andern Welt 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. X. 13
	        
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