Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

242 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
entstammend, eingeboren: darum schaffen sie revolutionär mit 
unerklärlich hoher Kraft und sind an diesem, im Vergleich zu 
den eingespannten Kräften und angewandten Mitteln Inkom— 
mensurabeln ihrer Wirkungen noch am leichtesten erkennbar. 
In den Besitz ihrer Erkenntnis aber vor allem hat sich der 
Historiker zu setzen, der den Forderungen seines hohen Berufes 
gerecht werden will; denn sie sind das A und O der Geschichte. 
Gewiß kennt Humboldt daneben noch die herkömmliche 
Art des geschichtlichen Betriebes. Da sucht man aus der An— 
schauung der einzelnen psychologischen, namentlich der Willens⸗ 
oorgänge das Ganze zu erschließen. Aber es ist ein undank— 
dares, ja unmögliches Geschäft und die untergeordnetste aller 
denkbaren historischen Methoden: weil sie in dem individuellen 
Seelenleben ein Objekt bewältigen will, das sich niemals 
wirklich bewältigen läßt, und weil sie schon deshalb nicht 
hinaufführt in die oberen Regionen der Geschichte. 
Kein Zweifel, daß mit Humboldts Ideenlehre eine stark 
wirkende und von hoch her erleuchtende Methode geschichtlichen 
Erkennens gewonnen war; in dem Denken und Forschen von 
so verschiedenen Männern wie Ranke und Gervinus werden 
wir, wenn nicht die unmittelbaren Spuren ihres Wirkens, so 
doch die tiefen Grundtöne ihres zeitgenössischen Charakters und 
damit die UÜberzeugung überhaupt wiederfinden, daß in der 
Ideenlehre mindestens ein historisch-methodologisches Motiv der 
Zusammenfassung von geschichtlichen Entwicklungsreihen ent— 
wickelt worden war, die höher liegen und umfassender sind 
als die Reihen bloß persönlich zusammenbindender Motive. 
Allein wurde diese Ideenlehre, auch in der Durchbildung, 
die Humboldt ihr gab, den neuen Anforderungen des Sub— 
jektivismus und vor allem nun auch der Romantik an die Ge— 
chichtswissenschaft gerecht? 
Es soll hier nicht die Rede davon sein, daß Humboldt selbst 
zelegentlich zugab, daß eine rohe mechanisch-individual-psycho— 
logische Behandlung der Geschichte, ließe sie sich durchführen, die 
Ideenlehre überflüssig machen würde; andere Stellen seiner Dar— 
legungen zeigen, daß er doch an diesem Satze nicht völlig festhielt:
	        
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