Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

244 — Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
den sichersten Instinkt des Kulturgeschichtlichen alsbald hervor— 
brechen zu sehen. Da hatte noch eben Chladenius als Gegen— 
stand der Historie „sogenannte Händel“, „neue sonderbare 
Taten“, „wichtige Geschäfte“, „Rebellionen, Meutereien, Pro—⸗ 
zesse, wobei Gewalt vor Recht geht, Kontroversen, dabei es an 
Schmähungen, auch wohl Verfolgungen nicht fehlt, ingleichen 
verbotene Liebeshändel“ aufgestellt: als Hamann sich dahin ver⸗ 
nehmen ließ, daß ihm eine solche Geschichte wie jenes weite Feld 
des Propheten vorkomme, das voller Beine lag: „und siehe, 
sie waren sehr verdorrt!“ Und wenige Jahrzehnte darauf schien 
die Kulturgeschichte selbst in die Gebiete der politischen Ge⸗ 
schichte schon völlig eingezogen zu sein. Maskow noch hatte 
nur von politischen Händeln erzählt, höchstens mit einem Unter— 
schiede, den er ausschließlich der Anschauung seiner Zeit verdankte, 
nämlich dem zwischen Hauptvorgängen und geheimen Neben— 
aktionen im Kabinett; dabei war er im Grunde ein Chronist 
geblieben: hatte sich sklavisch an den Text der Quellen ge⸗ 
halten, Personen nach bestimmten Schematen gebildet, ohne 
ihre Eigenart vom Typischen unterscheiden zu können, hatte 
das eigene Denken in der Darstellung möglichst ausgeschieden 
und war weit davon entfernt gewesen, in ganz nebenher er— 
wähnten kulturellen Zuständen mehr als Folgen politischer Er⸗ 
eignisse, etwa gar Faktoren des geschichtlichen Verlaufes zu 
erkennen. Aber schon die Göttinger Schule, ein Gatterer, 
Schlözer, später Spittler, ging darüber hinaus. Zwar waren 
auch ihr noch die großen Männer die „Acteurs“ der „Haupt⸗ 
begebenheiten“, vor allem auch der Revolutionen, deren Be— 
griff, ein Zeichen zunehmender kulturgeschichtlicher Betrachtungs⸗ 
weise, aus der Geologie in die Geschichtswissenschaft einbrach: 
aber sie forderte neben der Politik doch schon Berücksichtigung 
des sozialpsychischen historischen Lebens, ja wandte den Begriff 
ben der Revolution auch auf Kirche, Literatur, Sitte und 
Wissenschaft an. Aber freilich: dies war wohl die Theorie; in 
der Praxis dagegen blieb man noch weit zurück; in ihr herrschte 
nach wie vor die politische Geschichte mit einigem unorganischen 
Anhängsel von „kuriösen“ kulturgeschichtlichen Daten; und nur
	        
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