Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

4 Zwanzigstes Buch. Viertes Kapitel. 
Dichtkunst lehrte er nach wie vor auf seine Weise Geschmack und 
Grazie, und aus seinen hurtigen und doch tändelnden Versen 
erklang die Philosophie Epikurs: „Lebe, liebe, trink und 
schwärme.“ 
Daneben aber währten auch die unmittelbar französischen 
Einflüsse noch fort, ja waren eben in den letzten Zeiten durch 
die gewaltige Wirkung des größten Vertreters der alten Blüte 
französisch-⸗römisch-klaffischer Bildung, Voltaire, noch einmal 
verstärkt worden. Und schließlich setzte auch der englische 
Einfluß stärker ein, wenn er auch der nächsten Stufe der geistigen 
Entfaltung des Bürgertums noch nicht in unmittelbarer und 
vorwiegender Wirkung nahetrat und in den höheren Gesellschafts⸗ 
schichten des Adels und namentlich des Fürstentums neben dem 
Einfluß der Franzosen nur wenig bemerkt wurde. 
Wie nun all dieser Einflüsse Herr werden? Das Ent— 
scheidende der Zeit um und nach 1740 war, daß man sich zu⸗ 
nächst entschieden gegen Gottsched wandte. Und das hieß 
natürlich Fühlungnahme mit den Schweizern und Verlegung 
des bisherigen mitteldeutschen Zentrums der deutschen Dich— 
tung fort aus Leipzig. Weiter war charakteristisch, daß zu— 
nächst Halle und, mit einigen Dichtern, Berlin die Führung 
der mitteldeutschen Dichtung ergriff. Das hieß Anlehnung 
zwar an die Schweizer, aber im Sinne der Stadt Friedrichs 
des Großen und der führenden Universitätsstadt des Ratio— 
nalismus und Pietismus. Oder ander⸗ ausgedrückt: neue 
Dichtung, aber noch mit starker Anlehnung an die Alten, und 
zwar möglichst noch in rationalistischem und französischem 
Sinne, also im abgeleiteten Sinne der Römer. Und endlich 
hieß es: Aufbau einer Asthetik gewiß unter Zugeständnissen an 
den neuen, sich dunkel regenden Geist des Gefühls, aber doch 
noch nach den Schönheitslehren eines Horaz und Quiutilian und 
unter enger Fühlung mit den ästhetischen Neigungen jener neuen 
Altertumskunde und Renaissance, die sich bei allem Sinne für 
Griechentum einstweilen doch noch vielfach an die bisher vor⸗ 
nehmlich römischen Neigungen der alten Renaissance anschloß.
	        
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