246 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
den schon romantischen Darstellungen und Forschungen Kleukers,
Plessings, Creuzers und auch Görres', zum guten Teile an die
zweite Auflage von Herders Altester Urkunde des Menschen⸗
geschlechtes angelehnt, ein wüst-mystisches Schlußwesen, eine
Dithyrambik fast der Begriffe auf.
Eine gewisse Klärung konnte da sogar noch die spätere
Romantik bringen, namentlich nachdem der Zusammenbruch
der kontinentalen Gesellschaftsordnung unter der Faust des
gallischen Eroberers den Sinn für die objektiven Werte des
Lebens und damit recht eigentlich die Kulturwerte zu schärfen
begonnen hatte.
Das Charakteristische der Romantik war auf diesem Ge—
biete, daß sie, auf Grund des leisen Historismus schon des
Frühsubjektivismus des 18. Jahrhunderts, mit einer bewußten,
enthusiastischen Renaissance des Mittelalters begann. Natürlich
war diese nur möglich, indem man die großen literarischen und
Kulturprodukte des Mittelalters überhaupt repristinierte: und
dies war ein immerhin recht bedeutendes objektives Moment
des ganzen Vorganges: auf historischem Gebiete speziell be—
deutete es die massenhafte, liebevoll gepflegte und durchgeführte
Sammlung des Materiales jeglicher Überlieferung. Allein bei
der allgemeinen Geisteshaltung war es doch wieder natürlich,
daß man die wissenschaftlichen Forschungsmittel zunächst, wenn
auch unter steigendem Nachlassen, phantastisch anwandte. Die
Folge dieser merkwürdigen Konkurrenz von Umständen war
eine höchst verwunderliche, halb poetische Wissenschaft nicht
eigentlich der Kulturgeschichte, wohl aber der kulturellen Be—
trachtung oder wenigstens der kulturgeschichtlichen Neigungen.
Das Athenaeum hat den Zusammenhang einmal, zunächst für
einen etwas engeren Kreis, den der Philologie, gut bezeichnet1.
„Zur Philologie muß man geboren sein wie zur Poesie und
Philosophie. Es gibt keinen Philologen ohne Philologie in
der ursprünglichsten Bedeutung des Wortes, ohne grammatisches
Interesse. Doch ist diese notwendige Beschräuktheit um so
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