Die Spätromantik.
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weniger zu tadeln oder zu beklagen, da auch hier die künstlerische
Vollendung allein zur Wissenschaft führen und die bloß formale
Philologie einer materialen Altertumslehre und einer humanen
Geschichte der Menschheit nähern muß.“ Nicht minder klar
aber war, daß diese Konstellation zu einer künstlerischen Auf—
machung, wenn nicht Bearbeitung der heimischen und zu nicht
minder künstlerischer Übersetzung fremder Quellen des Ver—
gangenen führen mußte. Und damit begann deshalb die
eigentliche romantische Philologie, Altertumskunde und Kultur—
geschichte. Was hat nicht allein schon Wilhelm Schlegel in
diesem Zusammenhange vornehmlich übersetzt: neben vielen
Werken der südromanischen Literaturen fast den ganzen Shake—
speare, von dessen Dramen in den wenigen Jahren von 1797
dis 1801 sechzehn erschienen sind. Es war die entscheidende
Begründung der unter allen Nationen unübertroffen dastehenden,
freilich von dem Genius unserer Sprache besonders getragenen
deutschen Übersetzungskunst; selbst Tiecks Übersetzung des Don
Quirxote trat neben ihr in den Hintergrund.
Es steigt der Briten Höchster lächelnd nieder,
Und Calderon, den Kränze bunt umglühen,
Der Minnesang im Goldgewand; erblühen
Run will Italien, uralt heil'ge Lieder
Vom Ganges wachen auf, und rundum brennen
Trophä'n, die dankbar deinen Namen nennen.
(Tieck.)
Vor allem aber war es doch die Beschäftigung mit der
heimischen Vergangenheit, welche die Romantik bewegte. Und
eben hier konnte man aufs beste an Herder anknüpfen. Schon
1777 hatte Herder der Sammlung von Volkssagen, Märchen,
Mythologien seine Aufmerksamkeit zugewendet: „sie sind ge—
wissermaßen Resultat des Volksglaubens, seiner sinnlichen
Anschauung und Kräfte .... also ein großer Gegenstand
für den Geschichtschreiber der Menschheit, den Poeten und
Poetiker und Philosophen“. Und bereits er hatte auch seinem
Volke eine Sammlung seiner Märchen zu schenken beabsichtigt;
eit 1796 war seine Gattin Karoline damit an der Arbeit.