Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

248 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
Was aber sie und Herder selbst nicht zustande brachten, haben 
dann die Gebrüder Grimm aufgenommen; im Jahre 1806 
begannen sie ihre Sammlung, von 1812 ab ist sie unter dem 
Titel „Kinder- und Hausmärchen“ veröffentlicht worden. Dem 
Märchensammeln ging das Sammeln der deutschen Volkslieder 
zur Seite; und noch vor den Grimmschen Märchen gaben Achim 
von Arnim und Clemens Brentano die drei Bände des Wunder— 
horns heraus. Als dritter aber im Bunde erschien neben ihnen 
Joseph Görres, dessen deutsche Volksbücher im Jahre 1807 
herauskamen: eine Gabe, die recht eigentlich zu tieferem Nach⸗ 
graben in den reichen Schachten der Volksliteratur überhaupt 
verlockte. Da mochte denn wohl Goethe warnen, daß weder 
Mythologie noch Legende in der Wissenschaft zu dulden sei: 
„der wissenschaftliche Mann beschränke sich auf die nächste 
klarste Gegenwart“: die Bewegung ging über ihn hinweg; was 
entstand, war eine erste, wenn auch vielfach noch enthusiastisch 
gefärbte Wissenschaft vom Geiste des deutschen Volkes von 
alters her: war ein notwendiges und schon klar zu definieren⸗ 
des Stadium der Entfaltung der Kulturgeschichte überhaupt. 
Gewiß war dabei das, was man unter Volksgeist ver⸗ 
stand, noch einigermaßen unklar, wenn auch keineswegs an sich 
mystisch. Denn „so wenig die Einzelseele etwas anderes ist 
als der Zusammenhang der psychischen Erlebnisse des Einzel— 
bewußtseins, gerade so wenig ist die Volksseele oder irgend— 
eine andere Form des Gesamtgeistes etwas anderes als die 
tatsächliche Wirklichkeit all der psychischen Vorgänge, die inner⸗ 
halb einer bestimmten Gemeinschaft durch die Wechselwirkungen 
der psychischen Energien im einzelnen zustande kommen“1. 
Einstweilen aber war man doch weit davon entfernt, schon 
eine so einfache Definition des kulturgeschichtlichen Substrates 
zu haben, so sehr auch die Kulturgeschichte als solche schon in 
den Einzeläußerungen ihrer Disziplinen bestand: und so traten 
denn dem Beobachter in dem zweiten Jahrzehnt etwa des 
19. Jahrhunderts, im Beginne der Spaͤtromantik, auf dem 
Wundt, Logik? II, 2, 295.
	        
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