Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

252 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
haupt als systembildend in Betracht. Aus dem reinen Sein 
ergab sich hierbei durch die Antithese des reinen Nichts die 
Synthese des Werdens: und dieser ersten dreigliederigen 
Ableitung folgten nun Tausende und Abertausende gleicher 
Ableitungen: bis die ganze Welt des Gewordenen und Be— 
stehenden als in ihnen aufgebaut und damit zugleich alles 
Wirkliche als vernünftig nachgewiesen war. 
Nun hatte Schelling schon von einem verwandten Stand⸗ 
punkte aus, freilich nach Hegels Urteil noch unvollkommen, die 
Emangtion der Natur aus dem Absoluten in all ihrer Fülle 
zu begreifen gesucht: es waren Vorstellungen, die alsbald über 
die Naturphilosophie hinaus in den Naturwissenschaften selbst 
nicht ohne Wirkung geblieben waren. Um wie viel stärker 
mußte da jetzt Hegel mit seiner reineren Emanationsdialektik 
wirken! Eine neue Logik, eine neue Philosophie der Natur 
und eine neue Philosophie des Geistes, die beiden letzteren 
aus der ersten geboren, standen in Aussicht. 
Von ihnen hat Hegel indes außer der Logik nur die 
Philosophie des Geistes eingehend durchgebildet. Die Natur— 
philosophie blieb in den Anfängen stecken, einmal weil der 
Meister auf dem Gebiete der Naturwissenschaft längst nicht über 
so selbsterrungene und eingehende Kenntnisse verfügte wie auf 
dem der Geisteswissenschaften, dann aber auch aus einem viel 
merkwürdigeren Grunde: Hegel erkannte die tatsächliche Evo— 
lution in der Natur nicht eigentlich an oder fand wenigstens, 
daß alle bis zu seiner Zeit durchgeführten Versuche, die Natur 
als zeitlich geworden zu denken, auf „nebulosen Vorstellungen“ 
beruhten. 
Im Bereiche der Philosophie des Geistes aber ist Hegel 
vornehmlich Geschichtsphilosoph gewesen. Sehr begreiflich bei 
dem Stande der einzelnen geisteswissenschaftlichen Disziplinen 
zu seiner Zeit. Wie sollte er denn das evolutionistische Prinzip 
seiner dreiteiligen Gliederung etwa auf Anthropologie oder gar 
Psychologie haben anwenden können? Selbst die Wissenschaflen 
des absoluten Geistes im Hegelschen Sinne, die der Kunst, Re⸗ 
ligion und Philosophie, erschienen ihm noch zu wenig zugänglich.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.