Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
Klangwirkungen der Romantik in der zweiten Periode des Sub— 
jektivismus geradezu ins Musikalische gesteigert werden: also 
die Vermischung von Poesie und Tonkunst unmittelbar erstrebt 
wird. Es ist damit jene Form der Perversität erreicht, die 
als Vermischung der Perzeption von Reizen, audition colorée 
und Verwandtes, also in mehr elementarer Entwicklung, auch 
schon der Frühromantik, wenngleich längst nicht in dem Um— 
fange und in der Häufigkeit wie der jüngsten Vergangenheit be— 
kannt war. In diesen mehr elementaren Rahmen gehört es 
denn auch, wenn schon die Frühromantik Grenzwerte, die sich 
an sich näher liegen als Musik und Dichtung, vermischte: so 
hat sie eine dichterische Philosophie, so dramatische Märchen 
erzeugt. Indes auch in diesem Punkte ist sie später weit überholt 
worden: nun wurde eine gemeißelte, gemalte, in Töne gesetzte 
und gedichtete Philosophie hervorgebracht; man denke z. B. an die 
philosophische Wissenschaft, wie sie heute die Schule Windelbands 
vertritt, denke an Klingers Brahmskomposition als Beispiel des 
Ineinsgehens von Musik und bildender Kunst, und innerhalb 
der Malerei, Plastik und Architektur überhaupt an die Idee 
des modernen Gesamt-Kunstwerks. Freilich sind auch hier, noch 
nicht alle jene Erscheinungen der Perversität vereinigt, in denen 
sich der moderne Naturalismus von dem früheren unterscheidet: 
denn immer handelt es sich noch nur um Formdinge. Das 
eigentlich Moderne auf diesem Gebiete ist aber vielmehr das 
Schaffen perverser Werte: der ästhetischen Häßlichkeit, der 
sittlichen Grausamkeit, der widerwärtigen Anmut usw. Diesen 
Gebieten hat sich die Romantik höchstens durch genauere Durch⸗ 
bildung des Archaischen, Kapriziösen, überhaupt Seltsamen 
genähert; und nur einer ihrer Dichter kann, noch über Jean 
Paul hinaus, dessen Schüler er freilich war, als Poet des 
Perversen bezeichnet werden: E. T. A. Hoffmann. 
Neben der Autosuggestion steht als charakteristisches Merk— 
mal der kulturgeschichtlichen Suggestibilität die Fremdsuggestion. 
Und auch das weite Feld ihrer Geltung zeigt sich in den beiden 
Perioden, deren Psyche wir vergleichen, sehr verschieden entwickelt. 
Sucht man die Fremdsuggestion auf dem fatalen Gebiete
	        
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