Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

260 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. 
bis zu Hegel, von den anfänglichen Paroxysmen fast eines 
extremen Subjektivismus bis zu den Grenzen schon eines ob⸗ 
jektiveren Realismus wahrnehmbar wird. 
Dabei versteht sich, daß dieser Verlauf der Phantasie— 
tätigkeit und dem intellektuellen Seelenleben langsam ein ganz 
anderes Verhältnis zueinander geben mußte, als es noch in den 
Zeiten des Klassizismus bestanden hatte; die Phantasietätig- 
keit trat mehr auf den zweiten Plan, das Denken eroberte den 
Vordergrund. Es ist der Umschwung, der die Zeiten des Rea— 
lismus, von den dreißiger bis zu den sechziger Jahren, mehr 
als solche wissenschaftlichen Triumphes und immer gegenständ⸗ 
licher werdenden politischen Denkens, denn als Höhepunkte 
künstlerischen und dichterischen Schaffens erscheinen läßt. Und 
diese gegensätzliche Bewegung geht so weit, daß die Dichtung 
schon in den dreißiger Jahren, in den Zeiten des Jungen 
Deutschlands zu nicht geringem Teile ganz in den Dienst 
religiös-kirchlicher und sozial-politischer: kurz realistischer Ideen 
—D 
insofern auch dargestellt werden kann. Unter diesen Umständen 
erscheint der Entwicklungsgang der Phantasietätigkeit schließlich 
noch am reinsten in den bildenden Künsten: wird aber freilich 
hier auch um so mehr den Eindruck erwecken, daß der Primat des 
Seelenlebens immer mehr von den Bereichen des ästhetischen 
in die Gebiete wissenschaftlichen und politisch⸗ gemeinnützigen 
Schaffens und Denkens überzugehen begann. 
Im Jahre 1889 sind die Wandmalereien auf dem Apolli⸗— 
narisberge bei Remagen angefangen worden, eine letzte gemein⸗ 
same Lebensäußerung der Overbeckschen Richtung der Nazarener; 
im Jahre 1840 hat Overbeck das Magnifikat der Künste voll— 
endet, das man wohl ein abschließendes Kunst- und Lebens— 
bekenntnis des Meisters nennen kann, hat weiter Cornelius 
sein Jüngstes Gericht in der Münchener Ludwigskirche geschaffen: 
das letzte umfangreiche Wandgemälde, das er ganz zu Ende 
geführt hat. Im selben Jahre begann Rethel die Fresken im 
Aachener Rathause; wenige Jahre darauf machten in Deutsch— 
land die Werke der vlämischen realistischen Geschichtsmalerei,
	        
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