262 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
ein anderes Gesicht. Das Bürgertum nahm die führende
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erreicht hatte, nun auch in der bildenden Kunst in Anspruch.
Freilich nicht schon im Sinne jenes Mäcenats, das sich seit
den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts vor⸗
nehmlich zuerst langsam, dann rascher entwickelt hat. Man
war noch nicht wohlhabend genug, um die Baukunst oder die
Bildnerei reichlicher zu unterstützen; sogar in der Malerei litten
die kostspieligeren Techniken bis herunter zur Olmalerei unter
der noch immer andauernden Armut der führenden Schichten;
am wenigsten entwickelte sich die Freskomalerei als häusliche
Kunst; nach wie vor blieb sie der Hauptsache nach auf Staats—
aufträge und fürstliche Förderung angewiesen. Außerordentlich
dagegen blühten die vervielfältigenden Künste in ihren besten
Leistungen.
Die Griffelkünste, Künste verhältnismäßig demokratischen
Charakters, sind immer ein Bedürfnis vor allem des deutschen
Bürgertums gewesen. Sie tauchten zum ersten Male auf, als
dieses, mit dem 15. und 16. Jahrhundert, seine früheste Blüte
erlebte; und soweit sie stärker entwickelt wurden, waren sie fast
alle in dieser Zeit so gut wie deutschen Ursprunges oder wuchsen
wenigstens zu höchster Blüte in deutscher Pflege: Holzschnitt,
Buchdruck, Kupferstich, Kadierung. Im 17. Jahrhundert, mit
dem Emporkommen Hollands, an das die führende Stellung im
Bürgertum überging, sind sie dann, und vornehmlich wiederum
die Radierung, besonders in den Niederlanden nördlichen wie
südlichen Teils weiter entwickelt worden.
Im inneren Deutschland wurde seit der zweiten Hälfte
des 16. Jahrhunderts der Holzschnitt immer mehr durch den
Kupferstich verdrängt, neben dem sich auch die Radierung
weniger entfaltete. Dabei ist der Holzschnitt allerdings nie—
mals ganz verschwunden, in der Buchausstattung z. B. wurde
er in Kopfleisten, Initialen, Schlußstücken noch neben dem
Kupferstich verwendet; immerhin aber er führte ein kümmer—
liches Verfallsdasein. Denn schon die bessere Illustration,
vor allem aber das Titelbild und das graphische Porträt,