Beginnender Realismus.
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daneben auch Stadtplan und Landkarte fielen dem Kupfer—
stich zu.
Allein auch der Kupferstich ging allmählich zurück. Je—
mehr nicht so sehr die breite Masse der Gebildeten, sondern
Aristokratie und Klerus Gönner der Kunst wurden, um so
weniger verlohnte es, ein wirkliches Kunstwerk in mehreren
oder vielen Exemplaren herzustellen. In der zweiten Hälfte
des 18. Jahrhunderts war es dahin gekommen, daß ein großer
Teil des Bürgertums wenn nicht kunstfeindlich, so doch der
Kunst gegenüber indifferent erschien: man erinnere sich z. B.
der Stellung Schillers zur bildenden Kunst gegenüber der weit
überlegenen Position Goethes: wie hätte da die schwere Kunst
hervorragenden Kupferstichs noch gedeihen sollen? Von wenigen
Ausnahmen abgesehen, begnügte man sich mit leichten, zumeist
nicht hochstehenden Radierungen, und der eigentliche Geschmack
an den Griffelkünsten ging fast verloren.
Allein eben in diesem Augenblicke erhob sich von neuem
die Anteilnahme des wiederum emporstrebenden Bürgertums
und der werdenden Kreise der Gebildeten. Doch geschah es
langsam genug; in mancher Hinsicht hat der Nullpunkt noch
in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts gelegen; es blieb
ein Vakuum so lange, daß fast alle Rokokoüberlieferungen ab—
—
Kabinette von graphischen Blättern gesammelt hatte, da hingen
sich auch die dreißiger Jahre noch des 19. Jahrhunderts nur einige
spärliche Blätter in schlechten Umrahmungen an die Wand,
deren Zusammenhang durch die breiten weißen Ränder übel
durchbrochen wurde.
Gleichwohl ging es vorwärts. Der Buchdruck wurde ver—
schönt und auch technisch verbessert, indem Stereotypie und
Schnellpressendruck aufkamen; der bessere Holzschnitt lebte wieder
auf; und als typische vervielfältigende Kunst der ersten Hälfte
des 19. Jahrhunderts und noch der Zeit darüber hinaus er—
bluhte die neue Kunst der Lithographie.
Wie der Holzschnitt und der Kupferstich, so ist auch die
Lithographie eine deutsche Erfindung. Aloys Senefelder (1771