Beginnender Realismus. 265
Diese technische Neuerung kam aus England. Hier hatte
Thomas Bewick (1753—1828) gelehrt, den Holzstock nicht der
Faser folgend mit dem Schneidemesser, sondern im Querschnitt
senkrecht zur Faser mit dem Stichel zu bearbeiten. Es war eine
Anwendung, die den Schnitt eigentlich zum Stich machte und
die Wirkung derjenigen des Kupferstichs annäherte: und so
bedurfte es zur Entwicklung einer neuen Blüte nur noch großer
Künstlerindividualitäten, die der veränderten Technik entsprechend
schufen und durch ihr Schaffen wiederum deren Grenzen er—
weiterten. In Deutschland waren es vor allem Adolf Menzel
und Ludwig Richter, die nun entscheidend eingriffen: der eine,
in den Illustrationen zu Peter Schlemihl (1838) und zu
Kuglers Geschichte Friedrichs des Großen (18391844) na⸗—
mentlich in koloristischer Richtung, der andere in den zahl—
reichen Folgen seiner Holzschnittwerke seit den vierziger Jahren
vornehmlich im Sinne der Ausbildung eines charaktervollen
Umrisses. Und dann brach, noch vor der Revolutionszeit be—
ginnend, jene Hochflut der Holzschnitte herein, die seitdem auf
mehr als ein Menschenalter nicht nachließ: ganz neue Gebiete
beinahe, wie die gesellschaftliche und politische Karikatur, der
wissenschaftliche Holzschnitt, die Illustration der Familien—
zeitschriften und Wochenblätter wurden der volkstümlichen
Kunst erobert: und als durchgereiftes Ergebnis der ganzen
Bewegung erschienen bereits seit 1845 die Fliegenden Blätter,
wenige Jahre darauf die Münchener Bilderbogen, seit 1843
die Illustrierte Zeitung, seit 1848 der Kladderadatsch, seit 1853
die Gartenlaube, der 1864 das Daheim folgte. Gleichzeitig
aber wurde der Holzschnitt auch zu noch höheren Leistungen auf
rein künstlerischem Gebiete fortgebildet; neben die Reproduktionen
Menzelscher und Richterscher Zeichnungen trat die Wiedergabe
von Werken Rethels und Kaulbachs und Schwinds und Führichs
und Schnorrs von Carolsfeld.
Es war eine insofern zum Teil recht eigentümliche Ent—
wicklung, als in der einfacheren Art des Holzschnitts, wie sie
der Zeit in den Reproduktionen der Zeichnungen Richters oder
Führichs oder auch Schnorrs und selbst Schwinds entgegentrat,