266 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
ein gutes Teil der alten Umrißkunst des Klassizismus und der
Romantik noch einmal, nur durch ein neues technisches Ver—
vielfältigungsmittel gleichsam modernisiert und ins Weite ge—
tragen, begegnet. Es ist ein Vorgang, der der Zeit in ähnlicher
Weise wie auf literarischem Gebiete, wo den originalen Leistungen
der Kultus der Werke Schillers und Goethes zur Seite trat,
einen Zug künstlerischer Universalität verlieh, wie er sich dann
auf dem Felde der bildenden Künste in anderer Form noch
einmal gegen Schluß des Jahrhunderts, in dem Nebeneinander
altkoloristischer und impressionistischer Kunst, wiederholt hat.
Es war zugleich eine Erscheinung, die auch auf die Entwicklung
jener vornehmen reproduzierenden Künste, die auf die Kupfer—
platte angewiesen sind, wesentlich einwirkte.
Hier war der schließlich völlige Rückgang der Radierung
mit dem Umrißstil des Klassizismus und der Romantik eine
der am sichersten hervortretenden Tatsachen gewesen: was
sollte dieser Stil mit den malerischen Wirkungen einer solchen
Technik anfangen? Aber auch der Kupferstich hatte, wie wir
wissen, gelitten. Er war zurückgebildet worden in die einfache
Linienmanier eines Marcanton oder Dürer, wenn er nicht gar
zum bloßen Umrißstich geworden war, wie er in den Publika—
tionen Genellischer Zeichnungen, vor allem aber in wissenschafr⸗—
lichen Veröffentlichungen zur Veranschaulichung der Werke alter
Kunst zutage trat; und neben ihn hatte sich bezeichnenderweise
der im Tone so kalte Stahlstich gestellt, der nach der Ansicht
der Zeit dem -erstrebten Eindruck am Ende ebenso gerecht zu
werden schien wie der Kupferstich, und doch um so viel billiger
und, wenn es auf eine große Anzahl von Abdrücken ankam,
auch dauerhafter war. Stahlstichanstalten sind in Deutschland
schon seit den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts ent—
standen; und noch in den fünfziger, ja sechziger Jahren haben
sie zu tun gehabt; und dementsprechend hat bis dahin auch
der Kupferstich im ganzen schlechte Tage gesehen. Allerdings
hatte sich ihm mit der Entwicklung des Realismus wieder eine
bessere Zukunft eröffnet; er wurde wieder weicher, modulierter,
und diese Umgestaltung vollzog sich doppelt rasch unter dem