Beginnender Realismus.
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Einflusse verwandter Richtungen des Auslandes und unter dem
durch die Photographie aufgenötigten Drange, die Halbtöne
zarter und mannigfaltiger zu fassen. Zu einer wirklichen Blüte
aber gelangte der Kupferstich trotzdem in der ersten Periode des
Subjektivismus noch nicht: dazu war er der Nation anfangs
noch zu teuer; und später wurde er, bei ganz anderer Kenntnis
des Malerischen, von der Radierung abgelöst.
Übersieht man die Entwicklung der vervielfältigenden Kunste
im ganzen, so ergibt sich, daß sie immerhin seit den zwanziger
und dreißiger Jahren etwas ganz anderes zu bedeuten begannen
als vorher; sie wurden zum allgemeinen Ausdruck der idealisti—
schen Kunst der Vergangenheit wie des werdenden und schon
gegenwärtig blühenden Realismus, und ihr Eindringen in die
Weiten der Nation sprach die Tatsache aus, daß die mittleren
Kreise, die Angehörigen der gebildeten, zumeist bürgerlichen
Stände das Mäcenat der Künste von neuem antraten.
Indem damit aber Raum geschaffen wurde für eine rein aus
den nationalen Instinkten selbst erfolgende Fortentwicklung der
Kunst, begannen zum ersten Male die tiefsten Strömungen des
malerischen Subjektivismus ein wenig mehr ständige Freiheit
und sichreren Lauf zu erhalten gegenüber den Hemmnissen
von künstlerischer Tradition und überwiegendem Einflusse der
Dichtung, die bisher ihr Vorwärtsdringen verhindert hatten.
Freilich: auch jetzt setzten sie sich erst langsam in Bewegung;
und nur in einer Verschmelzung schließlich ihrer Richtung mit
der klassizistisch-romantischen Kunstübung, die in den Akademien
Fuß gefaßt hatte, sind sie zu allgemeinerer Wirkung gelangt.
Wir haben da schon früher gesehen!, wie allerdings mit
der Entwicklung des modernen Seelenlebens alsbald auch die
Lichtprobleme aufgetreten waren; an den Grenzen deutschen
Wesens, in den Alpen und an der Nordsee, sind wir schon
gegen 1800 entschiedenen Spuren der Freiluftmalerei begegnet.
Aber diese Anfänge waren erstickt worden von den klassizistisch—
romantischen Stilweisen; und nur leise hatten unter deren
Bgl. Band VIII, 2, S. 608 ff.