Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

268 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. 
bindender äußerer Umhüllung Versuche fortgedauert, sich der 
Natur mit dem Auge des 19. Jahrhunderts zu nähern. Dabei 
waren aber diese Versuche seit den zwanziger Jahren immer— 
hin schon kühner und systematischer geworden, und wenn ihr 
Ergebnis bei dem allgemeinen Rückgang des künstlerischen 
Sehens auch in dieser Zeit noch nicht alsbald zu großer 
Höhe führen konnte, so gab es doch bestimmte Gebiete der 
Kunst, in denen sie sich festsetzten als primitive Anfänge eines 
allmählich zu immer höheren Leistungen aufsteigenden Realismus. 
Es waren diejenigen Zweige der Malerei, denen die roman— 
tisch antikisierende und romantisch bloß konturierende Draperie 
absolut nicht zu Gesichte stand: in denen mithin trotz allem 
das eigentliche malerische Können des Zeitalters zutage trat. 
Hierhin gehörte freilich nicht so viel, wie man zunächst ver⸗ 
muten möchte; z. B. nicht gänzlich das Genrebild: Genelli hat 
in seinem Werke „Aus dem Leben eines Künstlers“ noch sehr 
spät Genreszenen seines eigenen Lebens in antikischer Manier 
gezeichnet. Doch gab es immerhin einige Gegenstände, deren 
malerische Darstellung dem Klassizismus und der ausgesprochenen 
Romantik unter keinen Umständen gelingen konnte: so die 
Vedute und das naturgetreue Ansichtsbild überhaupt; dann das 
Tierbild, das Jagdstück, die Wiedergabe von repräsentativen 
Vorgängen, Empfängen, Paraden u. s. w. und noch mehr fast 
das Schlachtenbild. Und auch das Porträt wollte sich dem 
Umrißstil und der Idealisierung auf die Dauer nur wenig 
fügen. 
Mit am frühesten entwickelte sich von diesen Seitengebieten 
der Kunst das der Militärmalerei; wie die Uniform die Plastik 
veranlaßt hat, in die Gegenwart hinabzusteigen, so hat sie 
auch die Malerei in einem wichtigen Felde von der UÜbermacht 
der Antike und romantischer Phantasien freigemacht. Zwar 
hat es, namentlich in Frankreich, auch ein Militärbild mit 
klassischen Gebärden gegeben; Napoleonische Generale muten 
hier in zeitgenössischen Bildern nicht selten wie antike Statuen 
in moderner Bekleidung an. Allein diese Auffassung blieb im 
wesentlichen romanisch; wie denn der Klaffizismus bei den
	        
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