272 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
Individualität entleerte; vereinzelt ist noch bis in die fünf⸗
ziger Jahre in dieser Manier geschaffen worden. Andererseits
schien es, als ob, auf dem Umwege über eine besondere Ent—
wicklung der französischen Kunst, gar Einflüsse des Barocks
noch einmal wirksam werden sollten. In Paris hatte Gérard,
der Hofmaler der Bourbonen, im Bildnis von neuem die
prunkvolle Säulendekoration der Mignard, Lebrun und Rigaud
eingeführt, ein Umstand, der natürlich zugleich auch auf den
Barockstil überhaupt zurückwies: und er hatte damit in Deutsch—
land bei immerhin so bedeutenden Meistern wie Stieler und
Winterhalter Anklang gefunden. Indes erwiesen sich diese
Einflüsse und ebenso die Nachwirkungen von Klassizismus und
Romantik am Ende doch als vorübergehend: und eine Ent—
wicklung siegte, die auf dem schmucklos bürgerlichen Hinter—
grunde der Bilder etwa schon Anton Graffs den dargestellten
Personen realistisch zu Leibe ging. Dabei ist nicht zu ver—
kennen, daß für diesen gesunden Verlauf vor allem auch schon
der Geschmack der neuen bürgerlichen Gesellschaft von Wichtig—
keit war, die vom Bildnis mindestens eines, nämlich Ahnlichkeit,
verlangte. Überall erhob sich daher aus der alten Porträt—
malerei mit gutem oder schlechtem Erfolge eine neue, die mehr
oder minder geschickt dem Realismus mindestens der äußeren
Gestalt zustrebte: sehr zur Unzufriedenheit der Klassizisten, die
sich später der seltsamen Hoffnung hingaben, gerade diese
Richtung werde mit der Photographie aussterben: während
doch eben die Photographie, ja schon die Daguerrotypie min⸗
destens den Bildnismaler alsbald zum Wettbewerb in der
Wiedergabe auch abgetönter Farbenwerte aufforderte und da⸗
durch auf eine höhere Stufe trieb. Von den Bildnismalern
des primitiven Realismus aber waren die bedeutendsten Magnus
in Berlin; Amerling, Schrotzberg, Kriehuber in Wien; ferner
Stüber in München, Jacobs in Gotha, Riedel in Rom und
Winterhalter in Paris. Unter ihnen sind dann wiederum die
vier zuletzt genannten von besonderem Interesse: denn sie sind
Schüler ein und desselben Meisters, des früher Düsseldorfer,
dann (seit 1800) Münchener Akademiedirektors Peter von Langer