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Viernndzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
zugleich viel breitere Schichten trifft und in ungleich stärker
differenzierten Formen auftritt. Um nur die letzte Behauptung
zu belegen, so sind die Zeitungsklientelen, die Dichtergemeinden,
die Anhänger von Eintagsheilanden für Religion und Heil⸗
kunde, die mit einseitigem Korpsgeist dem Nichtigen zugewandten
und darum Wichtiges vorgebenden Sportkkreise, die Parteien
in ihrer heutigen Durchbildung, die anarchistischen und sonstigen
terroristischen Zusammenhänge solche differenzierte Formen der
Begenwart. Nun läßt sich ja allerdings sagen, daß auch die
weite Hälfte des 18. Jahrhunderts schon in mancher Richtung
Anfänge verwandter Erscheinungen aufwies: sehr bezeichnend
ist z. B. in diesem Zusammenhange die Tatsache, daß sie an
einer außerordentlichen Überschätzung der öffentlichen Meinung
litt: allein nirgends vermag man doch schon so viel unbewußtes
Aufgeben eigener Meinung zu beobachten, wie es z. B. der
heutige Byzantinismus mit sich bringt; und nicht entfernt so
ttark war die Zahl der Personen, die, der Autosuggestion und
der Fremdsuggestion zugleich unterliegend, Objekte also und
Subjekte der Suggestibilität zugleich, die Nation nur auf die
Spanne einer Sekunde oder Minute beschäftigten, um dann
m Nichts wohlverdienten Vergessens zu verschwinden.
Sucht man dagegen die milderen Formen der Fremd—
suggestion auf: die Geschmacksautomatie und die Urteilsauto⸗
matie, so ist verwunderlich zu sehen, wie sie in der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts, und namentlich in den Anfängen
des Subjektivismus, zum Teil wenigstens ohne Frage stärker
entwickelt waren als heute. So bedingt z. B. die Übersättigung
nit Kunstgekrüssen heutzutage, wie sie namentlich der „Betrieb“
der aufdringlichsten aller Künste, der Musik, mit sich bringt, einen
ziemlich starken Herdengeschmack; indes kann man im Zweifel sein,
ob nicht die Zuchtung literarischer Meinungen durch die Wochen⸗
schriften schon in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit noch
größerem Erfolg betrieben worden ist. Und sicher steht, daß wir
für die einfache Urteilsautomatie so milde Formen von kultur⸗
geschichtlicher Bedeutung, wie sie der beginnende Subjektivismus
ufwies, überhaupt nicht mehr besitzen. Wie liebenswürdig ist z. B.