Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

282 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. 
Figurenmalerei im besonderen in Betracht kam, so wünschte 
man doch immer noch „schön“ zu malen und verfiel damit in 
den Fehler, den die Franzosen mit Exagérer la beauté be— 
zeichnen. Dementsprechend wurde denn auch die Charakteristik 
im allgemeinen nicht über den Bühnenkonventionalismus hinaus⸗ 
getrieben; das scharf Männliche und das würzig Weibliche 
fehlte, die Jünglinge hatten alle Rosenwangen, die Alten er⸗ 
innerten an die Greise Tizians und Dürers, die Strolche waren 
Theaterstrolche. Alle aber verband noch immer eine idealische 
Schönheitslinie des Umrisses, eine sanfte, wellenhafte Grazie 
der Konturen, die, günstig betrachtet, an die Anmut der ältesten 
Kölner Malerschule erinnern kann, und die auch bei Rethel 
nur durch den größeren, herberen Zug des vollendeten Dürer 
vertieft erscheint. 
Was aber den gesamten Verlauf der frührealistischen Kunst 
vielleicht am meisten charakterisiert, das ist der Umstand, daß 
sie, noch kaum der Vormundschaft der klassizistischen und roman⸗ 
tischen Asthetik entledigt, alsbald der Fuhrung des Historismus 
doch nicht bloß ihrem Inhalte nach, sondern auch im Bereiche 
der technischen und formalen Fortentwicklung anheimfiel. Und 
ließ es sich dabei leugnen, daß dieser Verlauf zugleich eine 
allgemeine Schwäche der Phantasietätigkeit in der Entwicklung 
des Seelenlebens der Zeit enthüllte? Auch die bildende Kunst 
stand unter dem Einflusse der Tatsache, daß nicht mehr die 
schöpferische Anschauung, sondern der schöpferische Intellekt die 
Entwicklung zu beherrschen begann: Wissenschaft, nicht mehr 
Kunst oder Dichtung, hieß die Hauptlosung schon der dreißiger 
Jahre. 
II. 
Schon die Romantik hatte sich im Grunde am besten und 
ausführlichsten in dem ihr scheinbar am fernsten liegenden 
Gebiete, dem des Denkens, ausgewirkt. Hatte dabei die Fruh— 
romantik ihr Ziel klipp und klar in der mystischen Ineinssetzung 
von betrachtendem Subjekt und betrachtetem Objekt gesucht
	        
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